Die Killergiraffe (Yesenia)


Es war mal eine kleine Giraffe in Südafrika. Sie wuchs in einer Herde auf, mit vielen andern kleinen Giraffen. Wie andere Tierkinder auf der Welt musste auch sie auf die Tierschule gehen. Das hasste sie, denn die anderen Tierkinder lachten sie immer aus. Alle nannten sie „Tollpatsch“ oder „Dummerchen“. Das verletzte sie sehr, so weinte sie immer nach der Schule.

Mit der Zeit wurde sie grösser und kälter im Herzen. Wenn die andern einen doofen Spruch machten, ignorierte sie diesen einfach. Die Mutter machte sich langsam Sorgen, denn ihre kleine Giraffe lachte kaum und umarmte sie nicht mehr. Die einst so kleine, süsse, verletzliche Giraffe wurde zu einer kalten und einsamen Giraffe.

Eines Tages wurde es der kalten Giraffe dann doch zu viel. Ihre Mitschüler hatten ihre Bücher verbrannt und diese dann im Klo hinuntergespült. Sie hatte noch nie eine solche Wut verspürt. Der Wahn überkam sie. Was nun geschah, konnte sie nicht kontrollieren.

Sie rannte in die Klassenzimmer und ermordete alle Giraffenschüler. Die Details sind einfach unmenschlich, einfach tierisch schlimm. Alle Lehrer und Schüler bettelten um Vergebung, doch die Giraffe befand sich in einem mondsüchtigen Zustand und konnte nicht mehr aufhören. Es war ein Rausch und gleichzeitig ein Adrenalinkick, alle flehend und weinend zu sehen.

Beim Anblick dieses bestialischen Massakers wurde es sogar der Giraffenpolizei schlecht. Kinder und Lehrer lagen in einem Blutsee. Die Giraffe konnte jedoch nicht gefunden werden, obwohl in einer grossangelegten Fahndung nach ihr gesucht wurde.

Gerüchte wurden laut, dass Menschen sie nach Europa transportiert hätten. Wie ein Investigativ-Journalist kürzlich herausfand, lebt sie seit 2019 friedlich im Zoo Zürich. Solltest du den Zoo Zürich besuchen, finanzierst du folglich unwissentlich einen Massenmörder.



Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden:  3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwochen 18/19 des Jahres 2022 stammt von Myriade.

9 Antworten auf „Die Killergiraffe (Yesenia)“

    1. Danke für die kreativen Wörter, hat mir sehr viel Spass gemacht, diesen Beitrag zu schreiben😁

  1. Spannende Geschichte, wie sie ja tatsächlich schon ähnlich in Schulen in Deutschland, USA und wohl auch in anderen Ländern vorgekommen ist.
    Man muss sich zwar nicht alles gefallen lassen, aber bei Mord hält man dann schon die Luft an. Obwohl: in der Geschichte wird auch viel von Kriegen berichtet, wo die Krieger in Blutrausch verfallen sind und einfach nicht mehr aufhören konnten zu töten.
    Gibt es in der Schweiz eigentlich wie bei uns in der BRD Vertrauenslehrer, an die man sich in solchen Fällen wenden kann?

    1. Danke vielmals für den Kommentar.
      Ja, in der Schweiz gibt es solche Vertrauenslehrer und Vertrauenslehrerinnen, doch es ist schwierig einen Termin zu bekommen, da sehr viele Jugendliche Probleme jeglicher Art haben. Mich würde es freuen, wenn es mehr davon gäbe, denn genau so kann man diese Aktionen vermeiden. Mit meiner Geschichte möchte ich simpel erklären, wie oberflächlich unsere Welt ist und man erst die Augen öffnet, wenn etwas Schreckliches passiert.

      1. Ja, das ist vielfach bei uns auch so. Leider werden lieber Gelder in Prestigeprojekte gesteckt. Aber lass Dich bitte nicht entmutigen, immer wieder den Finger in die Wunde legen. Demokratie ist manchmal mühsam, aber es lohnt sich, denn es gibt nichts Besseres, als sich selbst zu verwirklichen.

  2. Unerwartet. Weil es um Giraffen geht, hat man erst eine Distanz zum Geschehen. Da so etwas in der Art allerdings wirklich schon mehrfach passiert ist, schwindet die Distanz schnell. Der Twist am Ende hat auch was.

    1. Danke vielmals für den Kommentar, dass freut mich, denn dieser Twist und die Distanz wollte ich zum Vorschein bringen.

  3. Die Parallele der sanftäugigen Giraffe, die auf Menschen so sympathisch wirken, zu den menschlichen Schülern, die plötzlich eine innere Wut gewalttätig ausagieren, stellt das dadurch besonders deutlich dar.

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