Der Wind zischt kalt und schnell an mir vorbei. Im Hintergrund klingeln leise Glöckchen und ein trällerndes Radio ertönt durch die eisige Stille. Alle paar Stunden laufen bunt gekleidete Menschen an mir vorbei. Teils bleiben sie stehen, starren mich an oder ziehen an mir herum. Sie lachen und freuen sich. Und dann, bevor sie gehen, packen sie einen der vielen Tannenbäume ein.
Anfangs waren es Hunderte, jetzt nur noch wenige. Ich bin einer davon. Einer, der noch nicht in einer warmen Stube steht, mit Lichterketten geschmückt ist und die Geschenke der Kinder verwahrt. Nein, ich trage statt farbiger Kugeln eine weisse, kalte Decke. Anstelle von kleinen Kerzen bildet sich Frost und die Adventszeit kommt immer näher und näher. Mit jedem Tag und jeder Nacht schwindet meine Hoffnung ein wenig mehr.
Doch eines Morgens, als die Sonne rot hinter den verschneiten Berggipfel aufgeht und die Landschaft glitzern schillert, springt eine Familie laut lachend zwischen den Tannen hin und her. Sie bestaunen alle mit grossem Mund und diskutieren lautstark, welcher am besten in ihr Wohnzimmer passt. Und dann steht plötzlich ein kleines, blondes Mädchen vor mir. Mit offenem Mund schaut sie mich an. Ihr Blick schweift von einer Seite zur anderen.
Lächelnd schaue ich in das unschuldige Kindergesicht. Das Mädchen beginnt zu strahlen und rennt weg. Enttäuscht blicke ich hinter ihr her und sehe, wie sie zu einer eher kleineren Frau rennt und an ihrer Hand zieht. Kurze Zeit später versammelt sich die ganze Familie um mich. Staunend mustere ich jeden einzelnen von ihnen genau. Erst sind sie verwirrt und prüfen mich genau. Sie messen meine Grösse und mein Preisschild.
Kurze Zeit später werde ich von grinsenden Leuten eingepackt und in ein grosses Auto gesteckt. Und dann, ohne dass ich es richtig realisieren kann, stehe ich geschmückt in einem warmen, gemütlichen Wohnzimmer. Ich bin bei einer glücklichen und lebendigen Familie gelandet, die jeden Sonntagmorgen eine Kerze anzündet und Lieder singt. Das kleine Mädchen singt am lautesten, jedoch auch am schrägsten.
Strahlend, von innen und von aussen, beobachte ich jeden Tag die Familie und passe ganz besonders auf das kleine Mädchen auf. Ich bin ihr so unglaublich dankbar. Endlich habe auch ich mein Zuhause gefunden.


Dein Text ist spannend und sehr bildlich geschrieben. Man kann gut fühlen, wie einsam der Tannenbaum am Anfang ist. Ich finde es schön, wie er am Ende eine liebevolle Familie bekommt und glücklich ist. Dein Text hat mir gut gefallen.