Vivienne, die Vampirlady

Vivienne war eine 120 Jahre alte Vampirin. Im Kleinkindalter hatte sie ihre Familie bei einem Vampirangriff verloren und war dabei selbst gebissen worden. Der Vampir, der sie verwandelte, zog sie gross und brachte ihr das Jagen bei. Doch Vivienne entschied sich, nur Mäuse zu essen, da sie sich zu Menschen hingezogen fühlte. Ihr Ziehvater nannte sich «Dracul». Sie glaubte ihm das jedoch nie, da er lediglich ein leidenschaftlicher Dracula-Fan war.

Vivienne war sehr interessiert an den Menschen und deren Meinung über Vampire, weshalb sie jedes Buch las, das mit ihnen zu tun hatte. Als sie auf Twilight stiess, war sie empört: Ein Vampir, der in der Sonne glitzerte wie eine Discokugel, statt zu verbrennen? Für sie das Absurdeste auf der Welt.

Vivienne lebte zurückgezogen. Tagsüber schlief sie auf dem Dachboden der Bibliothek, und schlich sich, sobald die Sonne untergegangen war, hinunter, um Bücher zu lesen. Im Pausenraum stand eine Kiste mit der Aufschrift «von Dracul», darin lagen Mäuse. Vivienne verschlang gleichzeitig Bücher und Mäuse.

Ihr Leben war einsam, da Dracul immer auf der Jagd war.

Eines Nachts, genau um Mitternacht, hörte sie Schritte. Eine junge Rothaarige schlich aus der Toilette. Ihre Halskette verriet ihren Namen: Lamia.

Aus der Galerie neben dem Regal für Übernatürliches beobachtete Vivienne die Fremde. Sie musste sich verstecken und liess sich mit einem pfeifenden Geräusch nach hinten fallen. Sie verwandelte sich in eine Fledermaus und traute sich in dieser Form sich Lamia zu nähern. Vivienne schmunzelte beim Gedanken an diesen Namen, er erinnerte sie an griechische Vampire.

In Gedanken versunken bemerkte sie nicht, dass Lamia sich ruckartig umdrehte und ihr einen Sack über den Kopf zog. Nach etwa 15 Minuten wurde es wieder hell und Vivienne (immer noch als Fledermaus) starrte in das Gesicht der entsetzten Lamia, die ihr einen Rosenkranz entgegenstreckte und schrie „Weiche von mir, Vampir“. Vivienne brach in Gelächter aus und verwandelte sich zurück.

Verdutzt fragte Lamia, was das jetzt solle. Die Antwort kam sofort. „Denkst du wirklich, wir uralten Wesen hätten Angst vor einer von Menschen erfundenen Religion? Dein Rosenkranz macht mir gar nichts“, spottete sie. Doch als sie das Kreuz berührte, schrie sie auf.

„Silber, nicht Jesus“, knurrte sie. „Ausserdem würde ich dich nicht essen, Menschen sind so anstrengend zu essen. Entweder verkleben sie dir die Zähne oder sie schaffen es, sich dem Kampf zu entziehen, und werden selbst ein Vampir.“ Zumindest hörte sie das immer von Dracul, aber das fügte sie lieber nicht hinzu.

Darauf folgte ein spöttisches: „Ja, ja, du bist nur zu alt, um mich zu überwältigen. Lass mich raten: 600 Jahre?“

„Entschuldigung“, erwiderte Vivienne trocken, „ich bin 20 in Vampirjahren – und in euren Menschenjahren gerade mal 120. Also praktisch erst erwachsen.“

„Ist doch egal, solange du mich in Ruhe lässt.“ Mit diesen Worten drehte sich Lamia um, ging zu den Gedichten und stellte ein Buch ins Regal.

„Was soll das? Wenn du das Buch beschädigst, ändere ich meine Diät. Also sag schon: Was ist das?“

„Etwas, das dich nichts angeht.“

Diese Diskussion wurde Vivienne zu dumm. Zum Glück beherrschte sie die Hypnose perfekt. Mit einer Handbewegung, die einem Tintenfisch ähnelte, versetzte sie Lamia in Trance.

So erfuhr sie, dass Lamia das Buch schon vor einer Woche hätte zurückgeben müssen, sich aber nicht getraut hatte. Ausserdem stellte Vivienne fest, dass Lamia gar nicht so viel Angst vor ihr hatte, sie war eher beeindruckt. Zufrieden löste Vivienne die Hypnose wieder auf.

Als Lamia wieder zu sich kam, tat sie so, als wäre nichts gewesen. Mit einem knappen „Gute Nacht“ verschwand sie. Vivienne wollte sich eigentlich wieder dem Lesen widmen, doch stattdessen fühlte sie sich schlagartig einsam. Sie legte sich ins Bett. Zum Lesen hätte sie sowieso keine Ruhe gefunden, ihr schwirrten zu viele Gedanken durch den Kopf.

Am nächsten Mittag erwachte Vivienne und konnte nicht mehr einschlafen. Also entschied sie sich, sich tagsüber in die Bibliothek zu schleichen. Mit einem voluminösen Cardigan und einem Sonnenhut geschützt, hielt sie sich im hinteren Teil des zweiten Stocks auf, bei den Romanen. Gegen halb eins erblickte sie aus dem Augenwinkel eine rote Mähne. Hoffnungsvoll drehte sie sich um, sah aber nur in die Augen des schlaksigen Hausmeisters Bob.

Ihre Enttäuschung war wohl nicht zu übersehen, denn Bob wich zurück, als hätte er einen Geist gesehen. „Oder sollte ich besser Vampir sagen?“, flüsterte eine vertraute Stimme. Vivienne wirbelte herum und entdeckte Lamia, die hinter einem Regal hervorblinzelte, das Haar zu einem Zopf geflochten.

„Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe dich vermisst“, sagten beide gleichzeitig.

Mit einem Nicken forderte Lamia sie auf, ihr zu folgen. Gemeinsam gingen sie in die abgelegene Leseecke mit dem Schaukelstuhl, die kaum jemand benutzte, da nur eine schwache Lampe sie erhellte. Lamia liess sich in den Stuhl fallen, während Vivienne etwa einen halben Meter über dem Boden schwebte.

„Wie hast du das jetzt wieder gemacht?“, fragte Lamia.

„Ich sitze im Schneidersitz“, erwiderte Vivienne schmunzelnd.

„Ich möchte mehr über dich und deine Art erfahren“, sagten beide gleichzeitig und mussten lachen.

„Dann sollten wir uns öfter treffen. Wenn du mich hereinlässt, komme ich gern nachts hierher“, schlug Lamia vor.

„Einverstanden. Wie wäre es mit jedem Mittwoch?“

„Ja, so machen wir es.“ Beide schlugen lachend ein.


Wie die Geschichte weitergeht, erfährst du im nächsten Teil.

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