Es war ein regnerischer Tag, als Louis von seinem Kumpel Tim geweckt wurde. Louis stand auf und machte sich für den Tag bereit.
Louis war in den Amazonas gereist, um Krokodile in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Er war ein grosser, kräftiger Mann mit smaragdgrünen Augen und Lachgrübchen, die viele Mädchen attraktiv fanden. Leider war er eine Person, die oft Panikattacken bekam. Er war auch nicht der beste Schwimmer.
Seine Mutter wollte ihn nicht auf diese Reise schicken, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren. Er wollte aber unbedingt gehen, weil es um Krokodile ging. Seit er klein war, waren die Reptilien seine Lieblingstiere. Besonders faszinierte ihn ihre berühmte Todesrolle. Wenn er eine Dokumentation darüber sah, konnte er seinen Blick kaum von den Tieren abwenden.
Tim war seit der Grundschule mit Louis befreundet. Sie liebten beide Krokodile. Tim war Louis sehr ähnlich, nur blond. Er war ein wenig grösser als Louis, aber nur etwa zwei Zentimeter. Obwohl er Krokodile liebte, beobachtete er sie lieber vom sicheren Ufer aus. Tiefe Gewässer machten ihm Angst.
Dieser Morgen war ein spezieller Morgen, denn sie würden mit dem Boot auf den Fluss fahren und beobachten, wie ein Krokodil seine Beute verschlingt. Die beiden hatten keine Ahnung, dass sie sich in grosse Gefahr begeben würden.
Als der Führer sie abholte, waren die anderen schon am Ufer. An der Führung nahmen noch weitere Personen teil. Die Leute waren sehr freundlich und wollten ebenfalls Krokodile sehen. Als alle ins Boot einstiegen, bekam Tim ein ungutes Gefühl im Bauch. Er hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er bat den Führer, den Motor noch einmal zu untersuchen. Der Führer sagte in gebrochenem Englisch, dass alles in Ordnung sei. Er sagte, Tim solle sich keine Sorgen machen.
Louis hörte, dass sich sein Freund Sorgen machte, und kam dazu. Er konnte ihn etwas beruhigen. Trotzdem verschwand das seltsame Gefühl nicht ganz. Tim redete sich ein, dass es normal sei, vor einer solchen Fahrt nervös zu sein.
Als sie im Boot sassen, startete der Führer, Miguel hiess er, den Motor. Als sie losfuhren, passierte zuerst nichts. Doch nach einer Weile sahen sie, wie sich ein Wildschwein dem Fluss näherte. Kurz darauf erschien ein kleiner Teil eines Krokodils an der Wasseroberfläche.
Es war in diesem Moment sehr still …
Dann sprang das Krokodil auf das Wildschwein. Es gab ein riesiges Geplätscher und sie hörten ein schrilles Quieken und Grunzen. Sie sahen, wie sich das Wildschwein gegen das Tier wehrte, aber es war nutzlos …
Man hörte noch das letzte verzweifelte Quieken des Wildschweins, dann wurde es still. Sie sahen, wie es ins Wasser gezogen wurde und zwischen den Wellen verschwand.
Das Wildschwein tauchte unter und kam nie wieder an die Oberfläche.
Alle waren so begeistert von dem, was sie gesehen hatten, dass sie nicht bemerkten, dass das Krokodil bereits in der Nähe des Bootes war. Miguel wollte gerade den Motor starten, aber er sprang nicht an. Er versuchte es noch einmal und noch einmal. Er versuchte es insgesamt dreimal, aber nichts geschah. Dann konnte man förmlich hören, wie das Krokodil mit seinem Rücken das Boot streifte. Für einen Moment hörte man nur das Wasser, das sich unter dem Boot stark bewegte. Dann wurde es still …
Im einen Moment sassen Louis und Tim noch nebeneinander, im nächsten kämpfte Tim bereits darum, Louis aus dem Wasser zu retten.
Das Krokodil hatte sich auf das Boot gestürzt. Es kam von unten und katapultierte das Boot mit voller Wucht nach oben. Es traf genau die Mitte des Bootes. Alle flogen in die Luft und landeten mit lautem Platschen im Wasser. Zum Glück trugen alle eine Rettungsweste. Nur die von Louis war gerissen. Es war zwar nur ein kleines Loch, trotzdem entwich die Luft sehr schnell.
Obwohl Tim Angst vor tiefem Wasser hatte, versuchte er, Louis zu retten. Immer wieder zog er an ihm, damit er nicht ertrank. Louis hatte nämlich gerade eine Panikattacke. Dann zog Miguel plötzlich an Tims Rettungsweste. Er hatte bemerkt, dass das Krokodil schnell auf sie zuschwamm. «Lass los!», schrie Miguel. Tim klammerte sich weiterhin an Louis fest. Doch die Strömung zog an ihnen und Louis wurde immer schwerer. Als Miguel noch einmal kräftig an ihm zog, rutschte Louis aus seinem Griff.
Miguel war ein kräftig gebauter Mann und zog Tim ohne grosse Mühe mit sich. Zum Glück waren sie nicht mehr weit vom Ufer entfernt. Als sie das Ufer erreichten, drehte sich Tim sofort um. Zuerst konnte er Louis nirgends entdecken. Verzweifelt suchte er die Wasseroberfläche ab.
Dann sah er ihn. Louis trieb einige Meter von ihnen entfernt im Wasser. Seine beschädigte Rettungsweste hielt ihn kaum noch über der Oberfläche. «Louis!», schrie Tim und wollte zurück ins Wasser springen. Doch noch bevor er einen Schritt machen konnte, sah er eine grosse Welle hinter Louis auftauchen. Für einen kurzen Moment erschien der Rücken des Krokodils über dem Wasser. Dann verschwand Louis in der Tiefe.
Tim stand wie am Ufer. Er konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Er starrte lange auf das Wasser. Vielleicht hätte er Louis retten können. Vielleicht hätte er ihn nicht loslassen sollen.
In den nächsten Tagen dachte Tim an nichts anderes mehr. Er sprach kaum noch mit seinen Freunden und auch zu Hause war er sehr still. Nachts konnte er nicht schlafen. Immer wieder sah er Louis vor sich und fragte sich, ob alles anders gekommen wäre, wenn er stärker gewesen wäre. Die Schuldgefühle wurden jeden Tag grösser. Egal was seine Familie oder seine Freunde sagten, Tim gab sich selbst die Schuld am Tod von Louis.
Zwei Wochen später hielt er die Trauer nicht mehr aus. Er nahm sich das Leben.
Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt Mai/Juni 2026 von Myriade entstanden. Dafür stehen vier Bilder zur Verfügung.
Verfasst wurde er von Elena, einer Erstklässlerin vom Schuljahr 25/26.


Oh,oh, in der Todesrolle möchte man natürlich nicht seinen Freund sehen. Eine spannende Geschichte mit einem plötzlichen, dramatischen Ende. Gefällt mir!