Alles weg – und jetzt?

Nach einem langen Gähnen öffne ich endlich meine Augen und sehe nichts. Kein Bett, kein Tisch, kein Schrank. Gar nichts. Ich glaube meinen Augen nicht. Ich reibe meine Augen nochmals ganz fest, aber es verändert sich nichts.

Ist das ein Aprilscherz? Es ist zwar ein bisschen früh für so einen Scherz, aber was ist es sonst? Nach ein paar Minuten Nachdenken stehe ich endlich auf. Ich gehe zum Zimmer meiner Eltern, doch dort ist auch nichts drin und niemand. Ich rufe laut den Namen meiner Schwester, aber ich höre nichts.

Ist meine Familie ohne mich verreist? Zuerst mache ich mir noch keine grossen Sorgen, doch nach etwa einer Stunde bekomme ich Panik. Ich merke, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln. Ich renne aus dem Haus und sehe keine Menschen. Das kann ich nicht glauben. Bin ich die einzige Person im ganzen Dorf? Oder habe ich so lange geschlafen, dass die Menschheit ausgestorben ist?

Ich renne zu meinen Nachbarn und klingele sicher zwei Minuten lang. Niemand öffnet die Tür, also öffne ich sie selbst. Ich rufe laut die Namen meiner Nachbarn, doch ich höre keine Antwort. Ich schreie aus voller Wut, bis ich sogar ein Echo von meiner eigenen Stimme höre. Noch nie in meinen 14 Jahren war ich so einsam. Das ist der grösste Albtraum, den ich je erlebt habe.

Nach einer langen Zeit bekomme ich Hunger. Deshalb nehme ich mein Fahrrad und fahre zum nächsten Einkaufsladen. Bevor ich einen Schritt hineingehe, schliesse ich meine Augen noch einmal ganz fest und hoffe, dass dort eine Kassiererin ist. Doch natürlich ist dort niemand. Also packe ich einfach alles, was ich will, in den Einkaufskorb und gehe wieder nach draussen. Ich nehme sogar eine aufblasbare Matratze, einen Schlafsack und ein Kissen mit.

Als mein Magen voll ist, mache ich eine kleine Fahrradtour, um meine Kalorien zu verbrennen, doch das endet schnell. Nach etwa zehn Minuten beginnt es zu regnen. Ich denke mir nichts dabei und fahre gemütlich nach Hause. Doch als ein Tropfen auf mich fällt, beginnt meine Haut zu brennen. Spinne ich? Nein, das kann doch nicht sein. Ich fahre immer schneller nach Hause.

Zu Hause angekommen habe ich grosse Bläschen auf meiner Haut. Zum Glück habe ich noch eine Salbe gegen Verbrennungen mitgenommen. Ich streiche mir vorsichtig etwas Salbe ein und hoffe, dass die Haut bis morgen wieder geheilt ist.

Plötzlich höre ich meinen Wecker klingeln. Bin ich jetzt wirklich nicht mehr in dieser einsamen Welt, war das alles nur ein Traum? Ich öffne langsam meine Augen und sehe mein normales Schlafzimmer mit meinen Postern und meinem grossen Schrank.

Nicht mal 30 Sekunden später stürmt mein Vater mit einem wütenden Gesicht in mein Zimmer. „Du hast schon wieder verschlafen?! Komm, steh jetzt auf und mach dich bereit für die Schule“, sagt er.

In diesem Moment bin ich sehr glücklich, dass ich aus dieser grausamen und einsamen Welt draussen bin, und hoffe, dass sie nie wieder zurückkommt. Oder war das erst der Anfang eines Albtraums?

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