Gischt spritzt mir ins Gesicht. Das salzige Meerwasser verklebt meine Haut und durch die dunkle Nacht ertönen laute Schreie. Panische Schreie. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, auf sie zu hören. Alles, was ich noch mache, ist, mich mit aller Kraft an dem Fass festzuklammern. Obwohl der Sturm tobt, die Männer rufen und die Kinder weinen, ist es still geworden um mich. Ich fühle mich, als wäre ich ganz in mich selbst zurückgezogen. Als wäre die Welt zur Ruhe gekommen.
Meine Beine paddeln durch das eiskalte Wasser. Sie sind taub und ich spüre sie kaum noch. Auf einmal packt mich etwas am Fuss und dieses Mal bin ich es, der schreit. Ich blicke panisch nach unten. Erst sehe ich nur die pechschwarze See. Doch dann taucht das angsterfüllte Gesicht eines kleinen Jungen auf. Er steckt in einer Rettungsweste und zittert am ganzen Leib.
Eilig ziehe ich ihn so gut wie möglich auf das Fass und halte ihn fest. Dann erfasst uns eine Welle und alles wird dunkel.
Friedliche Vögel zwitschern am Himmel, die Sonne scheint und ich fühle mich, als wäre ich von einem Auto überfahren worden. Hustend stütze ich mich auf meinen Ellbogen und nehme alles mit zusammengekniffenen Augen in mich auf. Die Ereignisse der letzten Nacht sprudeln in mein Gehirn. Ich springe panisch auf, als mir der kleine Junge einfällt. Schwer atmend jogge ich über den kleinen Strand.
Plötzlich sehe ich in der Ferne etwas am Boden liegen. Erleichtert keuche ich auf und schnappe nach Luft. Ein Hoffnungsschimmer breitet sich in mir aus und ich zwinge mich, trotz der heissen Mittagssonne zu dem Jungen zu rennen. Vor ihm falle ich auf die Knie und fühle seinen Puls. Erleichtert sinke ich nach hinten, als ich spüre, dass er schlägt. Ein Lachen brodelt aus mir hervor, dann wird es ganz still.
Nur die Vögel zwitschern und die Wellen schlagen im gleichmässigen Takt an den Strand. Ich raffe mich auf und schüttle den Jungen. Und dann beginnt er zu husten und röchelnd nach Luft zu schnappen. Eine grosse Menge Wasser fliesst aus seinem Mund und ich helfe ihm, sich aufzurichten. Nach einer Weile beruhigt er sich und die bebenden Wellen, die vorher seinen Körper immer wieder zum Zittern gebracht haben, lassen allmählich nach.
Nachdem wir uns richtig vorgestellt und eine kleine Pause eingelegt haben, machen wir uns auf den Weg, um Zivilisation zu finden. Die Sonne brennt aggressiv auf uns herab, während wir uns flussaufwärts kämpfen. Immer weiter ins Landesinnere. Plötzlich hören wir Schreie. Sie kommen aus allen Richtungen. Hektisch drehe ich mich im Kreis, suche nach Menschen, nach etwas, das diese Laute verursachen könnte..
Ich packe Jan, den Jungen, an der Hand und schiebe ihn hinter mich. Auf einmal schiessen Männer aus den Büschen. Mein Herz pocht wild gegen meine Brust. Die Männer umkreisen uns und richten ihre Speere auf Jan und mich. Ich atme tief durch und greife nach meinem Schwert, doch es ist nicht mehr da. Leise fluche ich vor mich hin und hebe schliesslich die Hände, um zu zeigen, dass wir ihnen nichts antun wollen.
Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Jan die Männer neugierig mustert. Er scheint keine Angst zu haben. Ich verstecke mein Grinsen und hebe meine Augenbrauen, als Aufforderung zu sprechen. Ein grosser, muskulöser Mann mit Kriegsbemalung tritt auf uns zu. Er inspiziert uns von oben bis unten. Nach einer Weile wirft er uns ein kleines Lächeln zu und gibt uns ein Zeichen, ihm zu folgen.
Drei Jahre später
Jan springt durch die Büsche, klettert auf Bäume und bewegt sich so leise wie der Wind. Der beste Jäger des Stammes. Von meinem Baumhaus aus beobachte ich, wie er sich auf die Jagd vorbereitet. Ein stolzes Lächeln zieht an meinen Mundwinkeln. Flink seilt Jan sich an einer Liane von seinem Baumhaus ab und verschwindet in dem riesigen Wald.
Wer hätte gedacht, dass wir für immer hierbleiben und das beste Leben leben würden? Und dies nur, weil das Schiff des Königs gesunken ist. Wir wissen nicht, wer überlebt hat. Aber ich weiss, dass ich nie ein besseres Zuhause finden könnte als hier. Dafür lege ich sogar meine Dienste als treuer Diener des Königreiches nieder.

