Jeden Morgen um genau 06.15 Uhr stand Lena auf, trank Kakao aus derselben blauen Tasse und ging denselben Weg zur Schule. Sie war ein echtes Gewohnheitstier. Veränderungen mochte sie nicht, denn Gewohnheiten gaben ihr Sicherheit. Manchmal zählte sie sogar ihre Schritte, während sie lief.
Eines Tages jedoch passierte etwas Seltsames. Als Lena ihre Haustür öffnete, lag ein kleiner Zettel auf der Fussmatte. Darauf stand nur ein Satz: „Tu heute etwas absichtlich anders.“ Lena runzelte die Stirn. Normalerweise hätte sie den Zettel ignoriert, doch irgendetwas daran liess sie nicht los.
Zum ersten Mal seit Jahren bog sie nicht rechts, sondern links ab. Ihr Herz klopfte schneller. Alles fühlte sich fremd an, aber auch spannend. Plötzlich hörte sie ein leises Weinen. In einem Park sass ein Mädchen auf einer Bank, ihr Fahrrad lag kaputt daneben.
Lena zögerte. Sie hatte keine Erfahrung mit Reparaturen, doch sie beschloss, es trotzdem zu versuchen. Sie setzte ihren Verstand ein, erinnerte sich an ein Video, das sie einmal gesehen hatte, und begann vorsichtig zu arbeiten. Ihre Hände zitterten, aber sie gab nicht auf. Nach ein paar Minuten drehte sich das Rad wieder. Das Mädchen lächelte dankbar.
Als Lena weiterging, merkte sie, dass sie sich anders fühlte. Stolz. Mutig. Frei. In der Schule erzählte sie niemandem davon, aber innerlich wusste sie: Dieser Tag hatte etwas verändert.
Am nächsten Morgen stand sie wieder um 06.15 Uhr auf und griff nach ihrer blauen Tasse. Doch dann hielt sie inne. Sie lächelte, stellte sie zurück und nahm absichtlich die rote. Manchmal, dachte sie, muss selbst ein Gewohnheitstier lernen, seine Angst zu überwinden und neue Wege zu gehen, nicht aus Zufall, sondern ganz absichtlich.
Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, eines Projekts, das von Christiane am Leben gehalten wird.
Im Januar ’26 müssen die Begriffe Gewohnheitstier, absichtlich und einsetzen vorkommen. Die Länge des Textes darf 300 Wörter nicht überschreiten.
Geschrieben wurde diese Etüde von Deborah im Wahlfach Bloggen 25/26.


Veränderungen fangen ja oft ganz klein an, ich finde, die rote statt der blauen Tasse ist ein gutes Beispiel. Und dass sie das Fahrrad hingekriegt hat, ist auch megagut.
Danke, dass du mitgeschrieben hast! 🙂