Inspiriert von Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“
Ying-un und Tim Masari gerieten in eine ungeplante Liebesgeschichte. In dieser Beziehung spielten sowohl grosse als auch kleine Entfernungen eine wichtige Rolle. Vor allem die grosse Distanz zwischen Amerika und Japan war ein Hindernis. Auch der Zeitunterschied war schwierig, da Tim Soldat war und sich wegen des Militärs an verschiedenen Orten aufhielt, nicht nur in Amerika. Dadurch variierte der Zeitunterschied und war nicht immer gleich.
Grosse Streitigkeiten gab es am Anfang nie. Das war auch klar, weil sich keiner von beiden Streit gewünscht hatte. Doch es war ihnen bewusst, dass es früher oder später dazu kommen würde. In ihrer Freizeit dachten beide oft darüber nach, was passieren würde, wenn einer von ihnen plötzlich einen Streit anfangen würde. Genau diese Gedanken liessen die Beziehung langsam ins Wanken geraten. Sie wussten, dass ihre Beziehung kritisch war, und irgendwann begannen tatsächlich die Auseinandersetzungen.

Das Problem war jedoch eindeutig: Sie wollten aufhören, sich nur Nachrichten zu schreiben, und sich endlich im echten Leben sehen. Da Tim ohnehin wegen des Militärs in Japan war, passte das eigentlich gut. Doch es gab ein Hindernis: die Eltern. Religion spielte eine wichtige Rolle, vor allem in Japan. Dort ist es so, dass die Familie erwartet, dass beide Partner die gleiche Religion haben. Darüber machten sich Ying-un und Tim aber keine Gedanken. Der Grund, warum sie sich verliebt hatten, war die Nähe und der viele Kontakt, den sie hatten, solange sie sich im selben Land befanden.
Ying-un war klar, dass Tim Japan irgendwann wieder verlassen musste. Aber solange er noch dort war, wollten sie sich treffen. Am Abend, an dem sie sich treffen wollten, hörte ihre Mutter zufällig alles mit, was am Telefon gesagt wurde. Sie sagte aber nichts, da sie das Thema am nächsten Morgen beim Frühstück besprechen wollte.
Am nächsten Morgen wurde es dann angesprochen. Weil die Familie nichts von der Beziehung wusste, wurde Ying-un plötzlich ganz blass. Sie versuchte, ruhig zu erklären, doch es war bereits zu spät. Alle warfen ihr misstrauische und böse Blicke zu. Erstens war Tim kein Japaner, zweitens hatte er nicht dieselbe Religion und drittens wollte er nicht für immer im Land bleiben.
Die Familie war erschöpft und enttäuscht, doch egal, was sie sagten, Ying-un klebte an ihm und wollte ihn nicht loslassen. Also beschloss die Familie, sie aus dem Haus zu werfen und den Kontakt abzubrechen. Ying-un musste sich schnell einen Unterschlupf suchen. Sie konnte für eine gewisse Zeit bei ihren Grosseltern leben. Doch nach einigen Wochen baten auch sie Ying-un zu gehen, weil der Druck der Familie zu gross wurde.
Am selben Tag kam der Moment, an dem Tim abreisen musste. Ying-un verabschiedete sich von ihren Grosseltern, doch danach war sie allein. Sie lebte auf der Strasse, ohne Freund, ohne Grosseltern, ohne Mutter, Vater und Schwester. Sie war traurig, akzeptierte ihr Schicksal aber. Kurz darauf schrieb ihr Tim. Er war überglücklich, weil er endlich einen Weg sah, nicht allein abreisen zu müssen, und schrieb: „Ich gehe in zwei Tagen. Willst du mitkommen?“
Am liebsten hätte sie ja gesagt, aber das Geld reichte nicht. Sie hatte Tim bereits erzählt, dass sie keinen festen Schlafplatz mehr hatte, und darum glaubte sie, dass sie sich die Reise nicht leisten konnte. Sie schrieben noch weiter, doch am nächsten Tag antwortete Ying-un nicht mehr. Tim schickte über zwanzig Nachrichten. Er machte sich Sorgen, obwohl es erst ein Tag war, denn er wusste, dass sie auf der Strasse lebte.
Als er am Flughafen auf seinen Flug wartete, sah er die Nachrichten. Er erstarrte für zwei Minuten. Er konnte nicht fassen, was passiert war. In den Nachrichten stand, dass in Ying-uns Gegend ein Mädchen gestorben war. Nicht nur irgendeines, es war Ying-un. Dort stand, dass sie um sieben Uhr morgens erfroren war. In der Nacht zuvor hatte es stark geschneit und sie hatte keinen geschützten Ort gefunden.
Er konnte es nicht begreifen. Doch er musste zurück nach Amerika, zu seiner Familie. Ein paar Stunden später hob sein Flugzeug in Richtung New York ab.

