Es war ein langweiliger, stürmischer Abend. Draussen regnete es schon seit Stunden und es hörte nicht auf. Nur mein Bruder und ich waren zu Hause geblieben, da unsere Eltern für eine Familienfeier aus der Stadt gefahren waren. Mein Bruder (Diar) und ich (Luan) hatten nichts zu tun. Wir schauten schon seit zwei bis drei Stunden nur Filme/Serien.
„Wäre es heute gutes Wetter, könnten wir rausgehen“, sagte Diar laut. Doch ich gab ihm keine Antwort, nur einen Blick.
Wir kamen auf die Idee, etwas zu backen. Schliesslich konnte uns niemand mehr aufhalten, denn unsere Eltern waren ja weg. Also suchten wir online nach Rezepten. Nach einer Weile fand ich ein Rezept für einen Schokoladenkuchen und ich rief, so laut ich konnte: „Diar, ich habe ein Rezept gefunden, einen Schokokuchen.“ Diar antwortete sofort: „Endlich, dann muss ich nicht mehr weitersuchen.“
So fingen wir an, alle Zutaten für unseren Kuchen zusammenzusuchen. Doch uns fehlte eine besondere Zutat, und zwar Mehl. Wir durchsuchten gefühlt das ganze Haus, doch nirgendwo war Mehl in Sicht. Wir waren am Ende und wollten schon fast aufgeben.
Plötzlich sprang Diar vom Sofa auf und rief: „Der Dachboden! Den haben wir noch nicht durchsucht.“ Also machten wir uns auf den Weg nach oben. Doch auf dem Dachboden gab es weder Licht noch einen einzigen Sonnenstrahl. Also holten wir die Taschenlampen aus dem Schlafzimmer unserer Eltern.
Im Gang stand die Leiter, die zum Dachboden führte. Zuerst mussten wir sie herunterziehen, dann konnten wir hinaufklettern. Genauso machten wir es. Oben angekommen, schalteten wir die Taschenlampen an. Wir sahen viele Dinge, aber leider kein Mehl.
Ich begann, mich umzuschauen. Doch Diar wollte schon wieder runtergehen. Da kam mir die Idee, ihn ein wenig zu ärgern. Ich lachte ihn aus und provozierte ihn: „Du Angsthase, du bist gerade erst hochgekommen und willst schon wieder runter?“
Er sah mich wütend an und rannte auf mich los. Ich rannte davon, stolperte aber über eine Kiste und fiel hin. Diar lachte laut und ich konnte nicht anders, als mitzulachen. Dann bemerkte er etwas, dass aus der Kiste ragte, und er sagte neugierig: „Hey, schau mal, was da ist!“
Ich setzte mich hin und nahm das Gegenstand in die Hand. „Das ist eine Taschenuhr“, sagte Diar. „Die habe ich schon mal auf irgendwelchen Familien Fotos gesehen.“
In diesem Moment hörten wir ein lauten Krach. Angst bekamen wir jedoch nicht, aber wir erschraken uns so sehr, dass wir sofort wieder weg von dort oben wollten. „Komm zu mir“, flüsterte Diar besorgt. Ich stand leise auf und merkte, dass auch er etwas bemerkt hatte.
Vorsichtig schlich ich mich zu ihm hinüber. Wir beschlossen uns, sofort wieder nach unten zu gehen und unsere Handys zu holen. Ich ging voraus, um sicherzugehen, dass alles frei war. Zuerst überprüfte ich den zweiten Stock, dann kam mir Diar nach.
Im Haus war es unheimlich still. Die Vögel draussen, waren lauter zu hören als je zuvor. Diar flüsterte: „Was ist, wenn jemand eingebrochen ist?“ Ich sah ihn nur streng an und er verstand sofort, dass er leise sein sollte. Gemeinsam schlichen wir zur Küche. Es war so still, dass ich seinen Atem auf meinem Nacken spürte.
„Hey, schau mal dein Handy! Ich ging vor, um es zu nehmen. Kaum hatte ich es in der Hand, schrie Diar plötzlich laut auf. Mein Handy fiel zu Boden.
Ich drehte mich um und in diesem Moment hörte ich ein Auto. Das Hupen kam mir bekannt vor, es war das Auto unserer Eltern. Doch Diar war verschwunden.
Vorsichtig machte ich mich auf dem Weg nach draussen. Plötzlich kam etwas Kleines, Schwarzes und Rotes auf mich zugeflogen, als wäre es direkt auf mein Gesicht gezielt. Ich konnte gerade noch ausweichen und rannte panisch zur Haustür. Auf einmal tauchte Diar wie aus dem Nichts wieder auf und rannte hinter mir her.
Alles fühlte sich echt an, aber es war nicht real, oder?
Draussen standen plötzlich unsere Eltern. Alles war so merkwürdig.
Dann wachte ich auf. Ich atmete mehrmals tief ein und aus. Meine Eltern sassen rechts neben mir. Doch jemand fehlte. Mein Bruder Diar. Als ich nach ihm fragte, sahen sie mich verwirrt an. „Wer ist Diar?“, fragte meine Mutter. „Wir kennen keinen Diar.“
Ich erklärte ihr, dass Diar mein jüngerer Bruder sei. Doch mein Vater schüttelte den Kopf.
„Luan, du hast keinen kleinen Bruder. Du lagst im Koma.“ „Nein, das kann nicht sein“, antwortete ich verzweifelt. „Als wir ankamen, bist du plötzlich rausgerannt, bewusstlos geworden und so auch zusammengebrochen“, sagte er ruhig.
Alles war so schwierig für mich, dass ich es kaum begreifen konnte. Ich war völlig in meinen Gedanken versunken. War das alles nur ein blöder Traum gewesen? Hatte ich mir Diar nur eingebildet? Hatte ich wirklich keinen Bruder? Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir, dass er existiert hatte. Sein Lachen, seine Stimme, seine Wut, das konnte unmöglich erfunden sein. Ich sah auf die Stelle neben mir, an der er hätte sitzen sollen, und spürte eine Leere, die mir den Atem nahm.
Vielleicht war Diar nicht verschwunden. Vielleicht war er ein Teil von mir, den ich verloren hatte, als ich zusammengebrochen war. Und tief in mir wusste ich: Auch wenn sich niemand an ihn erinnerte, würde ich ihn niemals vergessen.

