Der Sprung ins Ungewisse

Eins, zwei, drei – springen!

Das Gefühl, hier auf dem Felsen zu stehen, mit den Zehen leicht über die Kante ragend, während meine Gedanken verschiedene Szenarien durchspielten und mein Herz schon dabei raste, fasste zusammen, wie sich die Sommerzeit bisher für mich anfühlte.

Nicht zu springen würde bedeuten, dass meine Freunde über mich sticheln würden und mich als Angsthasen bezeichneten. Ich wollte es nicht mehr sein. Es war nicht nur die Höhe, die mir Angst bereitete, sondern auch das, was nach diesem Sommer auf mich zukommen würde.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und ein elektrisierendes Gefühl schoss durch meinen Körper, das mich zusammenzucken liess. «Alles okay?»

Diese tiefe Stimme, die nur Jamie gehören konnte, riss mich aus meinen Gedanken. Mit seinem tropischen Hemd und seinen struppigen Haaren sah er eher aus wie ein Familienvater, doch für mich war er schon immer wie ein grosser Bruder gewesen.

Mit ihm konnte ich über alles sprechen und er war auch der Einzige, der wusste, was in mir vorging. «Ja, geht schon. Ich habe wieder an das Jobangebot gedacht und daran, wie hoch das hier ist.»

Ein ernster Blick erschien auf Jamies Gesicht, den ich selten bei ihm sah, als er meine Hände mit seinen umschloss. «Spring! Du kannst das. Es wird alles gut, vertrau mir.» Ich wusste, dass auch er nicht nur von diesem Sprung ins Wasser sprach. «Alles wird gut.»

Nach einem tiefen Atemzug löste ich mich aus seinem Griff, wagte den letzten Schritt und stürzte mich hinab. In meinem Kopf hatte nur noch ein Gedanke Platz: Ich schaffe das.

Später nahm ich auch das Jobangebot an, eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Denn manchmal ist das Leben wie ein Sprung ins Wasser: Es kann Gefahren mit sich bringen, aber wenn man am Felsvorsprung stehen bleibt, verpasst man seine Chancen.


Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, ein Projekt, das von Christiane am Leben gehalten wird. Im März 2026 sind die Begriffe Sommerzeitstruppig und sticheln vorgegeben. Die Länge des Textes darf 300 Wörter nicht überschreiten.

Geschrieben wurde diese Etüde von Melanie im Wahlfach Bloggen 25/26.

Eine Antwort auf „“

  1. Wie oft steht man an solchen Punkten, wo man sich entscheiden und den inneren Schweinehund niederkämpfen muss. Und wie gut, wenn einem dann ein verlässlicher Freund zur Seite steht und einem Mut macht, etwas zu wagen, was man allein nicht abschätzen kann. Ich mag deine Geschichte.
    Schön, dass du mitgeschrieben hast. Danke für die Etüde!

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von schreibenblog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen