Alles weg!

Ich wälze mich von einer Seite zur anderen. Es ist heiss und kalt zugleich. Ich weiss nicht, wie spät es ist, nur dass der Morgen bereits dämmert. Nicht ein Auge habe ich diese Nacht geschlossen. Es ist still, so seltsam still.

Träge richte ich mich auf und stolpere aus meinem Schlafzimmer auf den Balkon hinaus. Die Geräusche des Urwalds um mich herum sind wie immer da. Vögel zwitschern fröhlich ihre ersten Lieder des Tages, der Fluss rauscht durch die wilden Bäume und die Affen erwachen langsam. Ich nehme alles in mich auf. Niemals möchte ich diesen Geruch vergessen.

Ich drehe mich um und gehe im Haus nach meinen Mitbewohnern suchen. Eilig stolpere ich die Wendeltreppe von meinem Zimmer ins Wohnzimmer hinunter. Niemand ist zu sehen.

Hastig reisse ich die Schlafzimmertür von Ina auf. Das Zimmer ist leer. Stutzend bleibe ich im Türrahmen stehen und blicke mit gerunzelter Stirn auf die Stelle, an der gestern noch ihr Bett gestanden hat. Mit pochendem Herzen drehe ich mich um und renne zu Ilias Zimmer. Leer. Es ist komplett leer, als hätte hier nie jemand gewohnt.

Immer noch mit Pyjama und mit zerzausten Haaren springe ich in meinen Truck und fahre in die Stadt. So schnell es eben geht, mit zittrigen Händen am Lenkrad, rase ich die engen Strassen, vorbei an Reisfeldern, in die nächste Stadt. Die Fahrt fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Doch als ich schliesslich ankomme, springe ich aus dem Auto auf die leere Hauptstrasse.

Panisch drehe ich mich im Kreis, lasse alles auf mich niederprasseln. Kein einziges Auto, gar kein Mensch weit und breit. Mein Atem beginnt zu rasen und ich muss mich konzentrieren, richtig zu atmen.

Ich nehme all meinen Mut zusammen, greife nach dem Messer in meinem Truck und laufe langsam die Strasse hinunter. Das Messer hoch erhoben, für alles bereit, trete ich in ein Haus ein. Ein entsetzter Schrei entweicht mir, als sich auch dieses Haus komplett leer vor mir ausstreckt.

Ich schnappe nach Luft, renne hinaus und sinke mitten auf der Strasse auf die Knie. Niemand ist mehr hier. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag und mein Körper beginnt hemmungslos zu zittern. Mit letzter Kraft, die ich noch aufbringen kann, schreie ich: „Hallo? Kann mich jemand hören?“

Als Antwort kommt nur das Bellen eines einsamen Hundes. Er springt hinter einer Ecke hervor und kuschelt sich in meine Arme.

Mit allem in mir schlinge ich mich um den kleinen Hund, das Letzte, was mir geblieben ist. Denn der Traum der Menschen, als letzte Person aufzuwachen, ist wahr geworden.

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