Ein stechender Schmerz breitet sich durch den ganzen Körper aus. Die Welt beginnt sich zu drehen und findet keinen Halt. Ein Blick nach rechts hinterlässt den Anschein, von anderen Menschen umgeben zu sein: Beinpaare, wohin das Auge reicht. Sie stehen still, als ob sie ebenfalls hierhergekommen wären, um ein wenig nachzudenken.
Man versucht, sich zu bewegen, doch der Körper weigert sich. Woher die ganzen Schmerzen kommen, ist nicht klar. Nun breitet sich aber ein neuer Gedanke aus, der das ganze Leiden nur noch verdoppelt. Das war es. Die letzten Minuten oder vielleicht doch schon Sekunden des Lebens haben geschlagen. Schliesslich lässt es sich hier, auf der durchnässten Erde, die teils auch mit dem eigenen Blut getränkt ist, nicht gut überleben.
Doch dieser Moment liegt bereits in der Vergangenheit.
Einige Sonnenstrahlen drängen sich durch die Wolken und leiten den Weg der Frühaufsteher an diesem Frühlingsmorgen. Langsam füllt sich die Strasse mit vorbeiflitzenden Autos, der Gehweg mit Joggern und Hunden und die Luft mit dem Vogelgezwitscher des Waldes neben dem Blumenfeld. Lange war es her, dass sich jemand um das Feld gekümmert hatte, doch heute sollte sich dies ändern. Eine Truppe Freiwilliger machte sich auf den Weg, ein Feld, das jahrelang unbeachtet geblieben war, wieder zu beleben.
„Einer Blume neues Leben einzuhauchen, wenn sie schon verwelkt ist, ist unmöglich, doch mit guter Pflege muss sie gar nicht erst verwelken“, liest es sich auf einem kleinen Schild vor dem Feld. Ironischerweise wurden genau diese Blumen zum Verwelken verdammt.
Ein Schrei! Laut und noch fünf Strassenlängen weiter zu hören. Einer der Schreie, der nicht nur in den Ohren wehtut, sondern auch im Innersten, ein zerreissender, denn was auch immer dieser Person gerade geschieht, muss schrecklich sein.
Niemand der Anwesenden hatte damit gerechnet.
Aus den zwanzig Helfern, die sich ursprünglich hier versammelt hatten, mit ihren Gummistiefeln und Schaufeln, wurden weiss bekleidete, blau maskierte Spurensucher. Das klare Bild von dem Geschehen verschwimmt, wird nun unscharf, und aus den Polizisten werden blaue und weisse Punkte, die ihrem hektischen Treiben nachgehen. Hektisch, weil es hier um einen Mord ging, der gestern um genau 1.02 Uhr begangen worden war.
Schwer lässt es sich hier atmen, hinter einem Gebüsch, mit einem Fernglas um den Hals und der ständigen Möglichkeit, jederzeit entdeckt werden zu können. Ein Blick auf deine Uhr wirft dich zurück in jene Nacht. Mit angehaltener Luft und zittrigen Händen spielt sich in deinem inneren Auge alles von Neuem ab: vor dir eine fremde, gekrümmte Person, die dich voller Angst um Vergebung bittet. Nur noch dieser eine Gedanke, den du nicht ganz fassen kannst: Wieso?
Ein Schaudern reisst dich zurück in die Gegenwart und ein weiterer Blick auf das Feld verrät dir, dass es besser wäre, zu gehen. Doch man kann doch nicht einfach abhauen, wenn man selbst gespannt auf das Motiv des Täters ist.
Oder vielleicht doch, weil du mehr weisst, als du solltest.
Aufgeregte Stimmen breiten sich wieder aus und erzählen von einem wichtigen Fund. Ein Blitzen lässt dich aufschauen. Es war nicht nur irgendein Fund, sondern der Fund: die Tatwaffe.
Wieder ein Gedankenstück der Vergangenheit. Dein Griff verengte sich um das Messer, ein letzter Hieb, und jede Chance zu überleben, war vernichtet. Alles verlief so reibungslos, doch irgendetwas hält dich zurück. Tote Augen und wie sie langsam, wie die Blumen um sie herum, nicht mehr zu retten scheinen.
Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt März/April 2026 von Myriade entstanden. Dafür stehen vier Bilder zur Verfügung.
Verfasst wurde er von Melanie aus dem Wahlfach Bloggen 25/26.

