Die Kälte

Ich erzähle euch, was am 19.12.1995 passiert ist.

Es war ein verschneiter Tag. Ich dachte mir nichts dabei, denn bei uns schneit es fast jeden Tag. Auch im Sommer. Meine Eltern waren an diesem Tag verreist und sollten am nächsten Tag zurückkommen. Doch dazu kam es nie.

Der Tag begann ganz normal. Mein Vater weckte mich, bevor meine Eltern abreisten, und ich ging noch im Pyjama nach unten. In der Küche stand schon meine Mutter und kochte etwas für mich, da ich ein Einzelkind bin.

Nachdem ich fertig gegessen hatte, musste ich noch am Tisch sitzenbleiben. Meine Mutter erklärte mir, dass sie und mein Vater aus geschäftlichen Gründen für einen Tag verreisen müssten. Ich machte mir keine grossen Gedanken, denn meine Eltern reisten oft. Trotzdem musste ich mir wieder ihre ganze Rede über Verantwortung anhören. Sie gab mir 200 Franken, falls ich Lust auf eine Pizza hätte.

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 14 Jahre alt.

Meine Eltern verabschiedeten sich von mir. Kaum waren sie weg, sprang ich aufs Sofa und nahm mein Lieblingsbuch vom Couchtisch. Die Stunden vergingen. Irgendwann bekam ich Hunger. Als ich in die Küche ging, blickte ich aus dem Fenster. Was ich sah, war nicht normal: Das Haus unseres Nachbarn schien zuzufrieren, als würde sich Eis wie eine Decke darüberlegen.

Ich wollte gerade meine Mutter anrufen, als das Telefon klingelte. Es war das Krankenhaus. Man teilte mir mit, dass meine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Ich konnte nicht antworten, ich war wie gelähmt.

Die Frau am Telefon fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich brachte nur ein knappes „Ja“ heraus. Sie sagte, ein Polizist würde zu mir kommen, aber wegen des starken Schneefalls erst am nächsten Tag. Dann legte ich auf. Ich ging zurück in die Küche und machte mir Pancakes. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass meine Eltern tot waren. Immer musste ich daran denken, wie sie mich zum letzten Mal umarmt hatten, wie sie mich zum letzten Mal geküsst hatten. Am schlimmsten war für mich der Gedanke, dass sie, ohne es zu wissen, zum letzten Mal „Ich liebe dich“ zu mir gesagt hatten.

Ich wurde müde und ging ins Bett, konnte aber lange nicht einschlafen. Eine Stunde lang lag ich einfach nur da. Dann kamen plötzlich Erinnerungen hoch. Es waren die schönen Momente, die ich mit meinen Eltern erlebt hatte. Als ich jünger war, hatte ich nie daran gedacht, dass dieser Tag einmal kommen würde. Ich war unendlich dankbar für all diese Erinnerungen. Irgendwann weinte ich mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Als ich aus dem Fenster sah, huschte mir ein Lächeln über das Gesicht: Ich sah fast keinen Schnee mehr. Aber dann erinnerte ich mich wieder an das, was passiert war. Ich hoffte, es wäre nur ein Traum gewesen, und ging nach unten. Aber weder meine Mutter noch mein Vater war da. Ich ging in die Küche und machte mir etwas zu essen. Danach ging ich ins Badezimmer. Als ich in den Spiegel sah, erschrak ich: Meine Augen waren angeschwollen und rot vom Weinen, als hätte jemand rote Farbe darauf verteilt. Ich wusch mir das Gesicht und zog mich an.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Als ich öffnete, stand ein Polizist vor mir. Höflich, aber bestimmt fragte er nach meinem Namen. Ich antwortete, und er bat mich, mit ihm auf das Polizeirevier zu kommen.

Dort angekommen herrschte Chaos. Er brachte mich in einen Raum, in dem etwas zu essen und zu trinken bereitstand. Nach etwa einer Stunde kam eine ältere Dame zu mir. Sie führte mich in einen anderen Raum. Dieser war kühler und fast leer, nur ein Tisch und zwei Stühle standen darin. Sie setzte sich und deutete auf den Stuhl gegenüber. Dann erklärte sie mir noch einmal, dass meine Eltern gestorben waren und ich in ein Waisenheim kommen würde. Sie verliess kurz den Raum.

Ich sah mich um und plötzlich wurde mir kalt. Sofort musste ich wieder an meine Eltern denken. Als die Frau zurückkam, brachte sie mehrere Broschüren mit. Darauf waren verschiedene Waisenheime abgebildet. Ich durfte mir eines aussuchen und entschied mich für das mit dem pinken Haus. Dorthin wurde ich gebracht. Schon bei meiner Ankunft schloss ich erste Freundschaften.

Doch diese Geschichte verfolgt mich bis heute.




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