Ohne böse Absicht (ABC-Etüde)

Als Regen gegen die Fenster der alten Berghütte trommelte, sass Lia schweigend am Kamin. Ihr Hund knurrte leise. Ein seltsamer Instinkt sagte ihr, dass draussen jemand war.

Lia stand auf und zog sich eine Jacke über die Schultern. Die Tür quietschte, als sie sie öffnete. Im schwachen Licht erkannte sie eine Gestalt im Gebüsch. Ein Mann sass dort und hatte die Mütze tief über die Augen gezogen. Sein Rücken war von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Als Lia näherkam, rückte der Mann die Mütze nervös tiefer ins Gesicht. Danach zog sie ihn vorsichtig ins Haus und setzte ihn neben den Kamin. Nach einigen Sekunden öffnete er langsam die Augen und flüsterte: „Sie suchen mich.“ Lia fragte: „Wer?“

Doch bevor er antworten konnte, hörte Lia draussen Motorengeräusche. Plötzlich erinnerte sie sich an die Nachricht aus dem Dorf: Ein Dieb war geflohen, nachdem ein Schmuckladen überfallen worden war.

Lia betrachtete ihn genauer. Seine Hände zitterten. Leise fragte sie: „Bist du es gewesen?“ Der Mann senkte den Kopf. „Ja, ich bin schuldig. Aber ich wollte niemandem wehtun.“ Für einen Moment schwieg Lia. Der Sturm wurde stärker und das Feuer knackte hinter ihr. Ihr Instinkt sagte ihr, dass der Mann mehr Angst als Bosheit in sich trug.

Kurz darauf hielten draussen mehrere Fahrzeuge an. Die Polizeisirenen verstummten. Der Fremde lehnte erschöpft den Kopf gegen den Stuhl. Lia legte ihm eine Decke über die Schultern. Etwas später klopfte die Polizei an die Tür. Lia öffnete langsam und erzählte ihnen die Wahrheit.


Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, eines Projekts, das von Christiane am Leben gehalten wird. Im Mai 2026 sind die Begriffe Instinkt, schuldig, rücken vorgegeben. Die Länge des Textes darf 300 Wörter nicht überschreiten.

Geschrieben wurde diese Etüde von Martina, einer Erstklässlerin des Schuljahrs 25/26.

2 Antworten auf „Ohne böse Absicht (ABC-Etüde)“

  1. Sehr mutig, deine Protagonistin, ich war gespannt, was passieren würde. Und ich finde es ungewöhnlich, dass der Dieb vor ihr, einer Fremden, seine Schuld so offen zugibt. Gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist!
    Danke, dass du mitgeschrieben hast! 😀

  2. Sie hat ihm geholfen, ist für ihn somit eine Vertrauensperson, der er die Wahrheit erzählen kann und die es wohl glaubhaft auch so berichten kann. Wenn es doch immer so wäre!

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