An einem dunklen Wintertag lief ein junges Mädchen nach Hause. Ihr Name war Leni und sie war 14 Jahre alt. Sie lebte neben dem Wald und hatte braune Haare mit grasgrünen Augen. Sie war gerade auf dem Nachhauseweg und total erschöpft vom langen Schultag. Im Winter wurde es früh dunkel und sie hatte am Nachmittag Unterricht gehabt.
Nach etwa zehn Minuten kam sie endlich zu Hause an. Sie ging gleich hoch in ihr Zimmer, stellte ihren Rucksack aufs Pult und legte sich aufs Bett. Sie schaute auf ihre pinke Uhr an der Wand und erschrak. Es war schon sechs Uhr! Sie ging runter und fragte ihre Mutter aufgeregt: „Wann gibt es Essen?“ Ihre Mutter antwortete: „Bald, bald. Etwa in 15 Minuten.“
Es war schon 21.00 Uhr. Sie wollte schlafen gehen, doch kurz bevor sie einschlief, hörte sie plötzlich ein lautes Heulen. Es hörte sich komisch an. Wie ein Wolf. Doch hier gab es gar keine Wölfe in der Nähe, dachte sie. Es war schon spät und sie dachte, sie bildete sich das nur ein, also schlief sie ein.
Am nächsten Tag ging sie wie immer normal in die Schule, doch sie hatte ein komisches Gefühl. Dieses Heulen von letzter Nacht verfolgte sie immer und immer wieder im Kopf. Es ging einfach nicht mehr raus. Sie lief wie immer am Wald vorbei. Doch dann hörte sie etwas im Busch. Vorsichtig ging sie näher. Der Busch bewegte sich weiter, bis plötzlich eine kleine Maus heraussprang. Sie erschrak ein wenig und lief schnell weiter.
Um acht Uhr begann die Schule. Sie hatten Geschichte und Mathe. Doch sie konnte sich gar nicht konzentrieren. Sie konnte an nichts anderes denken. Das Heulen machte ihr Angst, aber gleichzeitig wollte sie unbedingt wissen, woher es kam. So ging sie zu ihrem Lehrer und sagte: „Darf ich nach Hause? Ich fühle mich nicht so gut.“ Der Lehrer antwortete: „Ja, komm gut nach Hause.“ Was er jedoch nicht wusste: Leni war gar nicht krank, sondern suchte Antworten.
Sie packte ihre Schulsachen und ging. Nach ein paar Minuten kam sie beim Wald an und lief hinein. Überall lag verwelktes Gras und grosse Bäume mit tausenden Blättern an den Ästen standen um sie herum. Weit entfernt sah sie eine kleine Bank. Sie lief dorthin und setzte sich.
Sie sass dort schon eine ganze Weile und bekam Hunger. Deshalb öffnete sie ihren Schulranzen und nahm ihr Salamibrot heraus. Während sie ass, schaute sie auf die Uhr. 17.00 Uhr! Sie erschrak. Den ganzen Tag hatte sie im Wald verbracht, ohne es zu merken. Ihre Mutter machte sich bestimmt schon Sorgen, doch jetzt wollte sie endlich herausfinden, was hinter dem Heulen steckte.
Also packte sie das Brot wieder ein und wollte losgehen. Doch plötzlich passierte etwas Merkwürdiges. Alle Bäume um sie herum bogen sich zur Seite, als ob ein riesiger Sturm käme. Eine riesige Nebelwelle zog auf sie zu und der ganze Wald wurde neblig.
Sie war wie erstarrt vor Schock. Ein starker Wind kam auf und sie fiel zu Boden. Sie konnte nichts mehr sehen. Sie hörte nur noch dieses Heulen. Dann schrie plötzlich jemand: „Hallo? Hallo? Antworte! Hallo?“ Langsam öffnete Leni ihre Augen. Vor ihr stand ein kleines Mädchen. Blond, klein und mit klarblauen Augen. Ängstlich sagte sie: „Hallo?“ Leni antwortete leise: „Wo in aller Welt bin ich? Und wer bist du?“ Das Mädchen antwortete nervös: „Ich weiss es nicht genau. Ich war auch im Wald und plötzlich war ich hier. Ich habe die Wölfe gesehen. Sie bringen Menschen hierher und lassen niemanden mehr raus.“
Die beiden beschlossen, dass sie einen Weg hinaus finden mussten.
So gingen sie los und nach einer Weile hörten sie wieder das Heulen. Sofort wussten sie, dass die Wölfe in der Nähe waren. Sie versteckten sich hinter einem riesigen Stein. Vor ihnen war etwas Riesiges: ein Berg, so gross wie fünf Berge zusammen. Darauf standen tausende Wölfe. Doch zuoberst stand nur einer. Gross und mächtig mit langem, schwarzem Fell und riesigen roten Augen.
Plötzlich schrie jemand aus dem Nichts: «Ihr da! Was macht ihr hier?“ und lief direkt in die Richtung von Leni und dem Mädchen. Sofort standen sie auf und riefen: „Lasst uns frei!“ Die Wölfe lachten laut und der grosse Wolf antwortete: „Das denkt ihr wohl echt.“ Er wollte gerade angreifen, als plötzlich aus der Ecke eine Frau hervorsprang.
In ihrer Hand hielt sie eine Art kleinen Ball. Sie stellte sich schützend vor die beiden Mädchen. Sie rief: „Lasst uns gehen oder ihr werdet verschwinden!“ Die Wölfe lachten noch lauter.„Ihr?“ „Uns besiegen?“ „Niemals!“ Die unbekannte Frau sagte überzeugt: „Ihr wollt es so. Dann macht euch bereit!“ Sie nahm ihren Ball hervor und warf ihn in die Luft. Der Ball öffnete sich und begann, hell zu leuchten. Die Frau schwebte langsam nach oben. Alles wurde dunkel und neblig. Ein greller Blitz erschien plötzlich und der Boden bebte.
Dann war plötzlich alles still. Leni und das Mädchen schauten sich um, doch niemand war mehr da. Nicht die geheimnisvolle Frau und auch nicht die Wölfe. Der Ball hatte sie offenbar verschwinden lassen.
Weiter vorn sahen sie ein riesiges Tor. Sie dachten, das musste der Ausgang sein. Sie liefen Richtung Tor. Bevor sie hindurchgingen, hielten sie ihre Hände fest und schlossen ihre Augen. Als Leni ihre Augen öffnete, war alles anders. Es war Tag geworden und der Wald sah wieder normal aus. Doch das kleine Mädchen war verschwunden. Vielleicht war sie in ihre eigene Welt zurückgekehrt, dachte Leni. Leni lief zurück Richtung Zuhause, doch sie musste die ganze Zeit an ihr Erlebnis denken. War das echt? Warum war das passiert?
Als sie zu Hause ankam, riss ihre Mutter sofort die Haustür auf und rannte panisch zu ihr. Ihre Augen waren rot vom Weinen. „Leni! Wo warst du?!“, schrie sie verzweifelt und umarmte sie fest. „Ich habe die ganze Nacht nach dir gesucht. Ich wollte schon die Polizei rufen.“ Erst jetzt bemerkte Leni, dass tatsächlich ein ganzer Tag vergangen war. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Niemand würde ihr diese Geschichte glauben. „Es tut mir leid…“, sagte sie leise. Ihre Mutter schaute sie erleichtert, aber auch streng an. „Geh nie wieder einfach weg, hast du verstanden? Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“ Leni nickte nur still.
Nach einer Weile ging sie erschöpft in ihr Zimmer und legte sich ins Bett. Obwohl sie müde war, dachte sie noch lange an die Wölfe, den Nebel und das verschwundene Mädchen. Irgendwann schlief sie ein.

