„Aliya!“, rief meine Mutter meinen Namen aus der Küche. Zum zwölften Mal lief ich müde nach unten und sah sie an. „Was ist jetzt denn?“, fragte ich unmotiviert. „Warum haben wir keine Eier?“, murmelte sie, während sie in den Kühlschrank schaute. Genervt ignorierte ich sie und ging ins Badezimmer. Ich musste mich auf meinen Violinkurs vorbereiten. Nach zwei oder drei Stunden war ich fertig, und meine Mutter hatte inzwischen ihre selbstgemachten Croissants gebacken. Sie gab mir ein paar zum Mitnehmen und bat mich, drei davon unserem Nachbarn auf der anderen Strassenseite zu schenken.
Ich zog meine blauen Schuhe an und machte mich auf den Weg. Ich klopfte zweimal. Niemand öffnete. Ich klopfte ein drittes Mal. Der alte Mann war nicht da. Normalerweise sitzt er jeden Freitag draussen auf dem Balkon und geniesst das Wetter. Egal ob es schneit, regnet oder windet.
Das kam mir wirklich seltsam vor. Zögernd blieb ich einen Moment stehen, bevor ich schliesslich doch die Klinke herunterdrückte. Zu meiner Überraschung war die Tür nicht abgeschlossen. Ich rief seinen Namen: „Herr Waser! Sind Sie zu Hause? Ich bin’s, Ihre Nachbarin, Aliya!“ Ich warf einen Blick ins Wohnzimmer. Der Raum wirkte ungewöhnlich leer, ein Stuhl war leicht verrückt, als wäre er hastig aufgestanden. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus, aber ich redete mir ein, dass es nichts zu bedeuten hatte. Vielleicht war er nur kurz weggegangen. Ich legte die drei Croissants vor seine Tür und ging weiter.
Auf dem Weg zum Violinkurs muss ich jedes Mal durch eine enge Gasse. Dort gibt es immer Graffiti und herumliegende Zigaretten, wahrscheinlich treffen sich abends viele Leute dort. Ich habe jedes Mal ein seltsames Gefühl, wenn ich hindurchgehe. Heute war die Gasse ungewöhnlich still. Kein Wind, keine Stimmen, nur eine bedrückende Stille. Als ich weiter hineinging, wurde mein Gefühl immer stärker, fast erdrückend. Ein metallischer Geruch lag in der Luft, und im nächsten Moment glitten mir die übrigen Croissants aus der Hand. Ich begann zu rennen und schrie laut.
Warum?
Weil dort die Leiche von Herrn Waser lag. Sein Körper lag reglos am Boden, und die Wand hinter ihm war mit dunklem, getrocknetem Blut verschmiert.
Sobald ich aus der Gasse heraus war, zog ich mein Handy hervor und rief die Polizei. Vor Schock stotterte ich beim Sprechen. Nach etwa fünf Minuten trafen zwei Polizeiautos ein. Die Beamten sperrten sofort die Gasse ab und fragten mich, wo ich ihn gefunden hatte. Als ich die offene Tür erwähnte, wechselten sie besorgte Blicke. Wenig später traf auch meine Mutter ein.
Am Ende konnte ich nicht mehr am Violinkurs teilnehmen, ich war zu erschüttert.
Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt Mai/Juni 2026 von Myriade entstanden. Dafür stehen vier Bilder zur Verfügung.
Verfasst wurde er von Kunsel aus dem Wahlfach Bloggen 25/26.


Spannend, spannend! Die Gasse mit der grausigen Atmosphäre finde ich sehr gut beschrieben. Und du hast den Text sehr geschickt an das Bild angepasst! Also insgesamt wirklich gelungen!!