Das Zwergenvolk

Ich schaue in die weite Welt hinaus, beobachte die Vögel am Himmel, die Sonne über den Wolken, den Wind in den Bäumen und ich stehe mittendrin. Ich atme die frische Luft tief ein. Womöglich ein allerletztes Mal. Wehmütig reisse ich meinen Blick weg und beginne, den Baum hinunterzuklettern. Mit einem dumpfen Aufprall komme ich auf dem Boden auf und richte meinen verrutschten Bogen wieder richtig auf meinem Rücken.

Auf leichten Füssen tapse ich durch das hohe Gras hinauf zur dunklen Höhle. Die Höhle, in die sich niemand hineintraut. Sie ist sagenumwoben und wird von allen gefürchtet. Doch nicht von mir. Ich werde den angeblichen Troll finden, der dort drinnen haust. Ich werde zurückkehren und ich werde keine Angst haben vor dem Volk der Zwerge, die angeblich unter dem Befehl des Trolls stehen.

Ein letztes Mal lasse ich meinen Blick über die Tipis schweifen, schicke meiner Familie in Gedanken eine stille Verabschiedung und drehe mich dann zu dem dunklen Loch im Fels um. Vorsichtig klettere ich in die Öffnung und finde mich in einem dunklen Gang wieder. Mit schnellen Handgriffen zünde ich eine Fackel an. Der Schein des Feuers tänzelt über die kahlen Wände. Mit jedem Schritt, den ich gehe, umhüllt mich die Dunkelheit ein wenig mehr.

Ich gehe immer weiter und weiter, bis ich nicht mehr weiss, wie lange ich schon unterwegs bin. Meine Füsse schmerzen und doch sieht der Gang noch genau gleich aus wie vor Stunden, als ich die Höhle betreten hatte. Plötzlich wird die beklemmende Stille von einem heiseren Schrei durchbrochen. Kalte Angst packt mich und ich greife mit bebenden Händen nach meinem Bogen, lege einen Pfeil ein und warte.

Schritte nähern sich. Keine schweren Schritte, nein, ganz feine, wie von einem barfüssigen Wesen. Mit stockendem Atem starre ich auf den Weg vor mir. Nur die wenigen Meter um mich herum werden von der Fackel, die jetzt auf dem Boden steht, erleuchtet. Auf einmal verstummen die Schritte und es wird ganz still. Ich horche in die schwarze Leere hinein und dann bleibt mir das Herz beinahe stehen.

Eine ganze Armee scheint sich mir zu nähern. Trommeln dröhnen durch den engen Schacht, aus einer wurden plötzlich tausende. Was auch immer es ist: Zwerge, Trolle, ich kann es nicht sagen. Aber ich weiss, dass mich eine Panik gepackt hat, die mich daran hindert, weder vorwärts noch rückwärts zu gehen. Stimmen wirren in dem schmalen Gang umher, sie kommen immer näher. Kalter Schweiss läuft mir den Rücken hinab.

Das ferne Gemurmel wird plötzlich zu einem Gesang. Auch wenn ich kein Wort verstehen kann, geht mir das Lied durch Mark und Bein. Und dann sehe ich einen Schatten, der sich langsam aus der Dunkelheit löst. Zittrig halte ich den Bogen weiterhin erhoben und warte darauf, dass kurzer Prozess mit mir gemacht wird. Doch da stürmen dutzende kleine Kinder auf mich zu, umkreisen mich und bestaunen mich neugierig. Wildes Gerede erfüllt den engen Gang.

Dann ertönt ein lauter Pfiff und augenblicklich verstummt alles. Die Kinder verschwinden wieder in der Dunkelheit und dann höre ich wieder die sanften Schritte. Ein gross gewachsener Mann kommt auf mich zu. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich erkenne, dass es kein Troll ist. Er mustert mich mit kritischem Blick und ich warte und warte. Warte darauf, dass er etwas sagt. Doch es vergeht eine Ewigkeit, bis er schliesslich den Mund öffnet und wild auf mich einredet.

Perplex starre ich den grossen Mann an, denn ich verstehe kein Wort. Doch das scheint er nicht zu merken, denn er redet und redet, lächelt und lächelt. Ich werte das als etwas Positives, jedoch weiss ich nicht, wie ich reagieren soll. Nach einer langen Weile, in der ich mich meiner Situation hingegeben habe, werde ich ungeduldig. Denn ich habe das Geheimnis des Zwergenvolks gelöst und es kribbelt mir in den Fingern, zurückzurennen und allen davon zu erzählen.

Also winke ich den Leuten, die ich immer noch nicht sehen, aber hören kann, zum Abschied zu, drehe mich abrupt um und renne los. Mit laut pochendem Herzen und der klitzekleinen Angst, doch noch verfolgt zu werden, sause ich den langen Weg zurück.

Ich erzähle es allen. Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus und endlich wird mir zugehört. Ich werde gefeiert und bestaunt, denn ich, ja ich, ich habe das Geheimnis gelüftet.

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