An einem Freitagabend spielte Zulo mit seinen Superheldenfiguren. In seinem gemütlich warmen, aber auch chaotischen Zimmer fühlte er sich richtig wohl. Seine Mutter kam herein und wollte ihm sagen, dass es Zeit fürs Schlafen sei. Zulo ging ohne zu meckern die Zähne putzen. Danach kletterte er in sein Hochbett und seine Mutter erzählte ihm noch eine Gute-Nacht-Geschichte, bevor sie das Licht ausmachte und die Tür schloss.
Zulo war kurz vor dem Einschlafen, da hörte er auf einmal ein Poltern. Er dachte sich nichts dabei und vermutete, es sei seine Katze, die manchmal nachts durch das Haus streifte und dabei oft Dinge umstiess. Zulo schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erzählte er es seinen Eltern, doch sie meinten, dass er sich das nur vorgestellt habe. Zu diesem Zeitpunkt dachte er sich noch nichts dabei.
Seit sein Bruder verstorben war, blieb das Bett unter ihm leer. Seine ganze Familie trauerte noch immer um den Tod und war oft müde und erschöpft. Darum schliefen auch seine Eltern nachts sehr tief. Am nächsten Tag musste Zulo in der Stadt fremden Leuten die Schuhe putzen. Die Chemotherapie seines Bruders hatte so viel gekostet, dass sie fast kein Geld mehr hatten. Er kam mit 18 Franken wieder nach Hause und es war schon spät.
An diesem Abend sorgte er extra dafür, dass seine Katze draussen blieb und seine Tür abgeschlossen war. Er schlief schnell ein. Mitten in der Nacht wachte er auf, weil es unter ihm rumpelte. Zuerst war es nur ein leises Geräusch wie ein vorsichtiges Kratzen, doch es wurde schnell stärker. Es war viel zu laut für eine Katze. Zulo schrie nach seinen Eltern, doch sie kamen nicht. Wahrscheinlich schliefen sie so tief, dass sie ihn nicht hörten. Er traute sich kaum zu atmen.
Plötzlich schrie etwas unter ihm und es boxte gegen seine Matratze. Zulo erstarrte vor Angst. Auf einmal war alles wieder still, totenstill. Zulo begann zu weinen und schrie erneut nach seinen Eltern. Dieses Mal stürmten sie herein und schalteten das Licht an. Weinend erzählte er ihnen, was passiert war, doch sie meinten, es sei nur ein Albtraum oder vielleicht eine Schlafparalyse, da solche Zustände bei Kindern vorkommen können.
In dieser Nacht konnte er nur schwer wieder einschlafen. Ständig ging ihm dieses Ding durch den Kopf. War es wirklich nur ein Traum? Am nächsten Tag in der Schule konnte er nicht richtig aufpassen. Er war müde und erschöpft und konnte sich nicht konzentrieren, weil er die ganze Zeit an die Nacht denken musste. Als die Schule endlich aus war, dachte er auf dem Weg nach Hause lange darüber nach. Er wusste, dass er sich das nicht nur vorgestellt hatte. In der Nacht wollte er herausfinden, ob es wieder passieren würde. Er blieb extra wach, doch irgendwann war er so müde, dass er einschlief.
Mitten in der Nacht wurde er von einem Rütteln geweckt. Zuerst war es still, doch dann hörte er ein schweres Atmen. Das Atmen wurde immer lauter und unregelmässiger. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass eine Person direkt unter ihm lag. Plötzlich begann das ganze Bett zu wackeln und es wurde immer stärker. Zulo schrie nach seinen Eltern und plötzlich war alles wieder still. Seine Eltern kamen nicht, was seine Angst noch verstärkte, aber es blieb ruhig. Schliesslich schlief er vor Erschöpfung wieder ein und wachte erst am Mittag auf. Es war Wochenende.
Ihm war es jetzt genug. Was auch immer unter ihm war, wollte ihn wirklich quälen. Er hatte Todesangst. Er erzählte es seinen Eltern, doch sie sagten wieder nur: «Albtraum.» Zulo konnte nichts tun. Den ganzen Tag überlegte er, was es sein könnte. Sie lebten in einem abgelegenen Haus auf einem Feld. Hinter dem Haus standen nur ein paar Bäume, sonst war dort nichts.
Am Nachmittag kamen zwei Freunde zu ihm: Maxime und Ruben. Beim Spielen vergass er fast seinen nächtlichen Besucher, doch das Gefühl blieb im Hinterkopf. Immer wieder schaute er zum Fenster. Vor dem Fenster stand ein alter, abgestorbener Birnbaum, der irgendwie unheimlich wirkte, besonders, weil sich seine Äste im Wind bewegten, obwohl kaum Wind zu spüren war. Für einen Moment war er in Gedanken versunken, bis seine Freunde ihn riefen. Er spielte weiter, bis seine Mutter ihn zum Abendessen hereinbat. Er verabschiedete sich und schaute noch einmal zum Fenster hinüber, bevor er ins Haus ging.
In dieser Nacht hatte er so grosse Angst, dass er zu seinen Eltern ins Bett ging. Dort bekam er endlich genug Schlaf. Die Nähe seiner Eltern fühlte sich für ihn wie ein Schutzengel an. Am nächsten Morgen ging er in sein Zimmer und schaute nach, ob sich etwas verändert hatte. Er war geschockt: Die untere Matratze lag auf dem Boden und sein Bett war komplett kaputt, als wäre in der Nacht etwas mit grosser Kraft dagegen geschlagen worden.
Er erzählte es seinen Eltern, doch sie dachten, dass er selbst dafür verantwortlich sei. Zulo sagte ihnen, dass in seinem Zimmer etwas nicht stimmte und er nicht mehr in diesem verfluchten Zimmer schlafen wollte. Schliesslich tauschten sie die Zimmer, da seine Eltern langsam selbst unsicher wurden, und schon nach einer Woche beschlossen sie, umzuziehen.
Auch wenn Zulo sein altes Haus vermisste, war er gleichzeitig froh, dass sie weg waren. In der neuen Wohnung fühlte er sich wohler und sicherer. Er konnte wieder schlafen und hatte keinen Stress mehr.
Jahre vergingen. Zulo war mittlerweile erwachsen, hatte einen Job und wohnte alleine. Eines Tages ging er auf den Dachboden, um seine Winterschuhe zu verstauen, und fand einen Karton mit alten Fotos. Darin entdeckte er ein Bild von sich und seinem Bruder. Eine Träne kullerte ihm über die Wange, als er sich an all die schönen Zeiten erinnerte. Er nahm das Bild mit nach unten und hängte es in seinem Wohnzimmer auf. Denn manchmal sind es die kleinen Dinge, die einem Freude machen, auch wenn manche Erinnerungen immer ein wenig unheimlich bleiben.

