Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen

Ich kam in einem Keller auf die Welt. Da er eindeutig schön und geräumig war, verbrachte ich die ganze Zeit im Spinnennetz und wartete, bis meine Mamma wieder kam.

Als ich das erste Mal einen Menschen sah, fand ich es ein schönes Erlebnis. Ich hatte viel von den Menschen gehört, hauptsächlich, dass sie böse seien, aber das kam mir gar nicht so vor. Der Mensch, den ich sah, kam mir nett vor. Er wollte mir nichts tun, er liess mich einfach in Ruhe, genauso wie ich ihn.

Doch als ich dann ein Jahr alt war, wurde mir gesagt, dass meine Mamma nicht mehr unter uns weil, sie wurde von einem Mensch plattgemacht. Für mich brach eine Welt zusammen. Bisher dachte ich doch, dass die Menschen nett seien. Aber jetzt war meine Mutter von einem ermordet worden, weil er Angst vor uns harmlosen Spinnen hatte.

An diesem Tag versprach ich mir selbst, meine Mamma zu rächen. Doch ich konnte nichts unternehmen, weil ich zu jung war. Meine Geschwister gingen nach oben ins Haus, während ich im Spinnennetz zurückgelassen wurde. Ich wartete immer angstvoll auf ihre Rückkehr. Immerhin wusste ich jetzt, was für Monster die Menschen sind. Ich hatte Angst, meine Geschwister auch noch zu verlieren. Doch es kam anders, als ich dachte.

Eines Tages stieg der Mensch in den Keller runter, sah mich und griff mich sofort an. Ich flüchtete ins Haus hoch und suchte meine Geschwister. Doch ich fand sie nicht 😭. Ich dachte, ich hätte sie ebenfalls verloren, als ich plötzlich ein Loch in der Wand erblickte. Ich kroch langsam und vorsichtig rein.

In diesem Loch traf ich auf die Hälfte meiner Geschwister. Sie erzählten mir, dass sie von den Monstern, also den Menschen, angegriffen worden waren. Bei diesem Angriff hatte die andere Hälfte meiner Geschwister ihr Leben verloren.

Ich konnte nicht mehr. Ich wünschte mir einfach ein ruhiges und schönes Leben – und dann passierte das.

Es vergingen einige Jahre. Ich war inzwischen drei Jahre alt und inzwischen hatten noch weitere meiner Geschwister ihr Leben verloren. Deshalb wurde ich immer trauriger und mein Hass auf die Menschen wuchs beinahe täglich.

Trotzdem wollte ich nicht auch mein Leben aufs Spiel setzen und wenn möglich ebenfalls sterben, weswegen ich bei den Angriffen, die meine Geschwister planten, nicht mitmachte. Und nach jedem Angriff stiegen die Verluste in meiner Familie. Ich wurde immer deprimierter.

Deshalb entschied ich mich nach einem weiteren Jahr, als ich vier wurde, mein Leben hinter mir zu lassen und fortzugehen. Ich floh in den Garten, rein in das hohe Gras, wo ich endlich in Ruhe leben konnte.

Das dachte ich zumindest, bis mich nach einem Monat ein riesiger Ball plötzlich fast überrollte.

Die Kinder der Eltern, die mir alles genommen und mein Leben zerstört hatten, begannen mein neues Leben zu zerstören. Sie spielten ausgerechnet da Fussball, wo ich mein neues Zuhause aufgebaut hatte. Ich wusste ja, dass die Menschen Monster sind, aber dass sie so grosse Monster sind, war mir nicht bewusst.

Jetzt reichte es mir! Ich entschied mich, ihr Leben zu zerstören und kehrte wieder ins Haus hoch. Ich beobachtete ganz genau ihren Tagesablauf. Jetzt wusste ich, wann sie das Haus verliessen, wann sie zurückkehrten, wann sie schlafen gingen, wann sie morgens erwachten und wann sie assen.

Wenn sie das Haus verlassen hatten, begann ich nutzlose Spinnennetze zu weben, meistens im Zimmer der Tochter. Sie hatte Angst vor uns Spinnen und nannte uns oft widerliche Monster, obwohl die Menschen die eigentlichen Monster waren.

Nach einigen Monaten spazierte ich während ihrer Mahlzeiten über den Esstisch, damit sie sich ekelten und aufhörten zu essen. Manchmal platzierte ich mich in den Zimmern mitten auf der Wand. Sahen sie mich, krabbelte ich weg, sodass sie mich nicht mehr finden konnten.

Sie wussten jetzt, dass sie zusammen mit einer Spinne in ihrem Haus lebten, wovor sie panische Angst hatten. Ich merkte, dass sie planten, auszuziehen. Sie schauten sich Prospekte von neuen Häusern an und packten ihre Sachen zusammen. Ich war überglücklich! Ich hatte es geschafft, sie zu vergraulen und musste nicht von meinem Zuhause weg.

Plötzlich nach einem Monat, als ich dachte, der Albtraum wäre für immer vorbei, kamen sie wieder. So wie es aussah, waren sie einfach nur einen Monat in den Ferien gewesen. Ich wusste, dass ich es schaffen musste, sie eines Tages loszuwerden, denn meine Spinnenfamilie wohnte schon länger hier als sie. Also musste ich meinen Plan weiter verfolgen.

Alles, was ich bis jetzt angestellt hatte, wollte ich jetzt doppelt so schlimm machen. Ich verwebte also nicht nur das Zimmer der Tochter, sondern das ganze Haus. Es klappte, sie wurden immer wütender. Ich entschied mich erst mal, mich zu verstecken, um sie in falscher Sicherheit zu wiegen und nach ein paar Wochen wieder herauszukommen und meinen Plan fortzusetzen.

Doch plötzlich fand ein Mensch mein Versteck und griff mich an. Ich hatte eine Riesenangst und konnte gerade noch knapp vor ihm flüchten, fast hätte er mich gekriegt. Ich musste meinen Plan fortsetzen, immerhin war ich schon bald zu alt dafür. Immer wieder probierte ich sie loszuwerden, doch sie waren nicht einfach wegzuekeln. Ausser die Tochter, die entschied sich nach einem Monat auszuziehen. Wenigstens ein Problem weniger.

Der Sohn war aber ein grösseres Problem. Er war der Einzige, der keine Angst vor Spinnen hatte. Ich überlegte, wie ich auch ihn zum Ausziehen bringen könnte, damit ich mich nur noch um die Eltern und den zweiten Sohn kümmern musste. Die Situation war jedoch schwieriger, als ich dachte, da er eine Katze hatte, die mich nicht so einfach herumschleichen liess.

Dies bedeutete, ich konnte in seinem Zimmer nur etwas anstellen, wenn die Katze abwesend war. Ich hatte Glück, denn die Katze musste nach einiger Zeit zum Tierarzt und im ganzen Stress vergass der Sohn sogar noch die Kleiderschranktür zu schliessen – was mir zugutekam.

Sofort krabbelte ich rein und spannte Spinnenweben über all seine Kleider. Als er zurückkam, musste er erst seine gesamte Kleidung waschen und hatte deshalb gar nichts mehr anzuziehen. Daraufhin wurde er sehr wütend und sagte zu seinen Eltern: „Entweder ist die Spinne bis morgen weg oder ich werde ebenfalls ausziehen“.

Die Eltern fanden mich tatsächlich nicht, weshalb der Sohn am darauffolgenden Tag seine Sachen packte und abhaute. Damit hatte ich einen weiteren Feind vertrieben und ein Problem weniger.

Es blieben mir nur noch drei Probleme: der Vater, die Mutter und der jüngere Sohn. Wie ich es schaffen sollte, den letzten Sohn loszuwerden, wusste ich weiterhin nicht. Ich schaute mich lange in seinem Zimmer um und fand ausser einer Öffnung nichts Spannendes.

Als ich in sie reinkroch, sah ich meine Geschwister leblos am Boden liegen. Es war klar, dass sie mit einem Insektenspray angegriffen worden waren. Ich wurde immer wütender und entschloss mich in der Nacht, während alle schliefen, ein gigantisches Spinnennetz über die ganze Tür zu spannen.

Daraufhin entschied sich am nächsten Morgen der jüngere Sohn, erst einmal bei den Grosseltern zu übernachten. Somit hatte ich wieder ein Problem weniger.

Ich musste es als Letztes noch schaffen, dass die Eltern sich ebenfalls ekelten und auszogen. Die Zeit verging. Ich hatte inzwischen das zehnte Lebensjahr erreicht, es aber nicht geschafft, sie zu vergraulen.

Eines Tages, als ich bereits alt und müde war, erwischten mich die Menschen und sperrten mich in einen durchsichtigen Behälter. Ich versuchte alles, aber ich kam nicht raus, dies war mein Ende.

Ich lag im Sterben, mein Leben zog an mir vorbei und dann …

Meine ganze Familie inklusive mir waren ausgelöscht worden, ich hatte es nicht geschafft, sie zu rächen. Aber wenigstens konnte ich im Spinnenjenseits endlich wieder meine Familie sehen.


Dieser Text ist im Wahlfach Bloggen 24/25 von Luca entstanden.

2 Antworten auf „Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen“

  1. Ich finde diese Geschichte sehr berührend und spannend. Du bringst das Leben und die Ängste einer Spinne sehr gut rüber und es gibt ein happy/bad end. Die Spinne wird zwar erwischt, aber sieht dadurch seine Familie wieder.
    In Zukunft werde ich die Spinnen bei mir zu Hause fangen und dann in der Natur freilassen, anstatt sie zu erschlagen, weil wir Menschen sie eklig finden.
    Eine sehr tolle Geschichte, mit der du uns Menschen auch noch etwas mitgibst.

    1. Vielen Dank für diesen netten Kommentar. Ich habe mir echt Mühe gegeben, das Leben einer Spinne darzustellen und wollte mit diesem Blog zeigen, dass Spinnen eigentlich nur nette Tiere sind.

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