Meine Schwester und ich (Selina)

Zur Erklärung: Im Titel steht „Schwester“, weil ich sie wie eine Schwester sehe, auch wenn wir nicht verwandt sind

Als ich klein war …

Schon als kleines Kind war ich extrem sozial. So sehr, dass ich ungefähr fünfmal dieselben zwei Frauen mit nach Hause brachte, nur weil sie nett zu mir waren. Ich bot ihnen dann immer einen Kaffee an, als wären sie alte Bekannte. Dieses soziale Wesen war manchmal nicht nur herzig, sondern auch ziemlich praktisch.

Vor allem in der Geschichte, die ich jetzt erzählen möchte. Die Geschichte, wie ich meine beste Freundin, oder eben „meine Schwester“, kennengelernt habe.

Wie wir uns kennengelernt haben

Es war ein wunderschöner Sommerabend. Mein Bruder war beim Judo und ich spielte alleine draussen im Garten. Nach einer Weile wurde mir langweilig, also rannte ich zu meiner Mutter und fragte, ob sie Zeit hätte, mit mir zu spielen. Sie sagte nein, sie müsse kochen und später meinen Bruder vom Training abholen.

Also ging ich wieder raus, setzte mich auf den Boden und dachte nach. Da sah ich eine Frau auf dem Balkon eines Nachbarhauses. Ich nahm meine Chance wahr und rief laut „Entschuldigung!“ und sie schaute hinunter. Ich fragte: „Haben Sie vielleicht eine Tochter, die mit mir draussen spielen kommen will?“ Sie lachte und meinte, sie würde ihre Tochter fragen.

Wenige Minuten später erschien ein blondhaariges Mädchen auf dem Balkon. Sie sagte, sie müsse nur noch Schuhe anziehen, dann würde sie sehr gerne mit mir spielen kommen. Kurze Zeit später stand sie wirklich draussen und wir gingen gemeinsam zum Spielplatz.

Dort schaukelten wir und unterhielten uns. Ich erfuhr, dass sie Sharon hiess und schon 10 war. Also fünf Jahre älter als ich und sogar älter als mein grosser Bruder! Nach einer Weile wurde es kühler und ich musste nach Hause. Doch ich wollte weiter mit ihr sprechen, also entschied ich, sie mit nach Hause zu nehmen und sie meinen Eltern vorzustellen. Ich stellte sie meiner Mutter vor und erklärte ihr: „Das ist meine neue Freundin. Sie wohnt in der Nachbarschaft!“

Die Jahre, in denen ich ignoriert wurde

In den nächsten Jahren wurde Sharon ein fester Teil unserer Familie. Sie war fast jedes Wochenende bei uns und konnte kommen und gehen, wann immer sie wollte. Meine Eltern sahen sie wie ein drittes Kind.

Doch dann begann etwas, das mich verletzt hat. Sharon und mein grosser Bruder Lukas verstanden sich plötzlich super. Sie verbrachten immer mehr Zeit miteinander und ich fühlte mich ausgeschlossen, als wäre ich gar nicht mehr dabei. Anfangs fiel mir das schwer, aber irgendwann akzeptierte ich es still.

Eines Abends konnte ich es aber nicht mehr für mich behalten und sprach mit meiner Mutter darüber. Sie erklärte mir, dass Sharon und Lukas einfach näher im Alter seien und deshalb andere Gesprächsthemen hätten. Dinge, die ich damals mit meinen acht Jahren noch nicht verstehen konnte. Ich war sehr enttäuscht und es tat weh. Ich sah Sharon als meine beste Freundin und jetzt liess sie mich für meinen blöden Bruder plötzlich links liegen.

So ging das etwa fünf Jahre lang.

Wie es heute ist

Als ich 13 wurde, bemerkte ich, dass Sharon versuchte, wieder mehr Zeit mit mir zu verbringen. Unsere Verbindung wurde wieder stärker, so wie früher.

Irgendwann sprach ich mit ihr offen über diese schwierige Zeit und erzählte ihr, wie verletzt ich damals war. Sie sagte mir genau das Gleiche, was meine Mutter mir schon damals versucht hatte zu erklären. Ich war einfach zu jung. Sie hat mich nie absichtlich ausgeschlossen, ich konnte nur noch nicht so ganz in ihre Welt eintauchen.

Heute verstehen wir uns wieder richtig gut. Auch wenn sie jetzt schon 20 ist, machen wir immer noch viel zusammen. Wir unterstützen einander, helfen einander bei Problemen und reden über alles. Ich habe mit ihr so vieles erlebt und durchgemacht. Sie ist und bleibt mein kleines Vorbild. Viele Dinge, die ich heute mache oder denke, habe ich von ihr übernommen.

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