Erstes Rachegefühl

Ich war sechs Jahre alt, als ich den zweiten Kindergarten in Zürich besuchte. Uns Kindern wurde ein sensationeller Aufenthalt zur Verfügung gestellt und ich verbrachte meine gesamte Zeit mit meinem besten Kumpel Erick. Wir vertrauten uns die unterschiedlichsten Geheimnisse an und hatten so gut wie nie Konflikte.

Doch eines Tages meinte er, er müsse mich, um Beliebtheit zu erlangen, unsere gemeinsamen Geheimnisse lächerlich machen. Ich war sehr traurig und fühlte mich hintergangen. Meine Trauer nahm eine unschöne Wendung und ich verspürte immer mehr Hass. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, wie sich das Rachegefühl in mir breit machte.

Tag um Tag verging und meine Gedanken waren ununterbrochen bei dem Vorfall auf dem Pausenplatz. In meinen Gedanken wurde Erick zu einem Todfeind. Trotzdem verbrachte ich Zeit mit ihm im Kindergarten, denn ausser ihm hatte ich keine anderen Freunde. Ich konnte und wollte ihm nicht mehr in die Augen sehen, denn für mich war er ein furchterregender Verräter geworden.

Ich hatte Dutzende Pläne, wie ich mich an ihm rächen könnte. Immer wieder sagte ich mir: „Den Schmerz, vom besten Freund hintergangen zu werden, das sollst du auch erleben.“ In mir kochte eine andauernde Wut. Ich war bereit, Ericks grösste Geheimnisse zu verraten und ihn mit nur wenigen Wörtern zunichtemachen.

Meine Träume entstanden aus Rachegefühlen und die Notizblätter waren gefüllt mit Plänen.

Schliesslich war der Tag gekommen, an welchem ich den Mut hatte, meine Aktion durchzuführen. Nervös lief ich an jenem Morgen in den Kindergarten und wiederholte meine vorbereiteten Sätze ohne Pause. Als ich ankam, sah ich Erick, der, als er mich erblickte, strahlte und mir zuwinkte. Zum ersten Mal seit Langem sah ich wieder den Erick, den ich kannte, nicht den Feind. Ich vergass meine Pläne und erwiderte sein Lächeln.

Später sprach ich ihn auf seine Dummheit an. Ich machte ihm klar, dass sein Verhalten fast unsere Freundschaft zerstört hätte und er so etwas besser nie mehr tun sollte.

Rückblickend kann ich meine Rachegefühle verstehen, denn schliesslich hatte mein bester Freund mein Vertrauen gebrochen. Aber ich denke, ich habe den bestmöglichen Weg gewählt: Ich konnte meine Wut verarbeiten, ohne Erick zu verletzen. Und am Ende hat auch er seinen Fehler eingesehen.


Dieser Text ist im Wahlfach Bloggen 24/25 von Neville entstanden.

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