Seit meine Urgrossmutter gestorben ist, war ich nie auf dem Dachboden. Jetzt bin ich da und suche nach alten Sachen. Am Anfang fand ich nichts Interessantes. Gerade als ich die Lust verlor und gehen wollte, fiel ein Sonnenstrahl auf einen alten, staubigen Koffer in der Ecke des Dachbodens. Neugierig ging ich hin und schaute mir den Koffer an. Er sah sehr alt und mitgenommen aus. In dem Moment, als ich ihn öffnen wollte, rief mich meine Mutter zum Abendessen.
Heute musste mein Vater sehr lang auf der Arbeit bleiben und mein Bruder war auf einem Schulausflug. Also war ich alleine mit meiner Mutter zu Hause. Während des Essens fragte ich sie, ob sie mir etwas über die Vergangenheit meiner Urgrossmutter erzählen könne. Sie war überrascht, dass mich das interessierte, begann aber ohne zu zögern zu erzählen. Zuerst sprach sie über ihre Kindheit und allerlei Erinnerungen, doch das, was ich später erfuhr, fesselte mich am meisten.
Es stellte sich heraus, dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war meine Urgrossmutter 28 Jahre alt. In dieser Zeit war sie mit meiner Oma schwanger, und ihr Mann, mein Urgrossvater, musste an die Front. Meine Mutter erzählte mir, wie schwierig das Leben damals war, und dass ich dankbar sein solle, dass ich in einem sicheren Land lebe. Diese Geschichte machte mich nachdenklich und weckte meine Neugier.
Den ganzen nächsten Tag in der Schule konnte ich mich kaum konzentrieren. Der mysteriöse Koffer war alles, woran ich denken konnte. Ich war so neugierig, was ich darin finden würde, vielleicht alte Bilder? Ein Tagebuch? Oder vielleicht gar nichts, was mich sehr enttäuscht hätte.
Direkt nach der Schule rannte ich nach Hause. Das Erste, was ich tat, war, auf den Dachboden zu steigen. Ich zog den Koffer ins Licht. Er war schwer und stark abgenutzt. Bevor ich diesen geheimnisvollen Koffer öffnete, atmete ich tief ein. Ich weiss nicht wieso, aber ich verspürte ein leichtes Gefühl von Angst.
Als ich den Koffer öffnete, stieg mir eine Wolke aus Staub entgegen. Das Erste, was ich sah, waren schwarz-weisse Fotos, vermutlich von meiner Urgrossmutter. Darunter lag ein Stapel vergilbter Blätter. Es waren Briefe. Ich nahm einen davon in die Hand. Das Datum in der oberen Ecke zeigte das Jahr 1940. Die Schrift war schwer zu lesen, aber ich konnte sie entziffern. Hier ist der Inhalt eines der Briefe:
Meine liebste Anna,
Jeder Tag ohne dich ist wie eine Ewigkeit. Hier in den Bunkern dringt die Kälte bis in die Knochen, und das Essen wird immer knapper. Oft teilen wir uns ein Brot unter mehreren Männern. Ich verstecke diesen Brief in dem alten Koffer, in dem ich einst unsere gemeinsamen Erinnerungen aufbewahrte: Kinokarten, ein Taschentuch mit dem Duft deines Parfüms. Wenn ich hier einen Moment Ruhe finde, sehe ich mir unsere Fotos an und vermisse dich unendlich.
Wenn du diesen Koffer eines Tages findest, wisse, dass mein Herz immer dir gehörte, ganz gleich, wie dieser Krieg endet.
Für immer dein
Robert.
Als ich diesen Brief gelesen hatte, stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich wusste, dass mein Urgrossvater im Krieg gefallen war und meine Grossmutter ihren Vater nie kennenlernen konnte. Genau wie es im Brief stand, fand ich im Koffer tatsächlich Kinokarten und Taschentücher. Ausserdem die alte Brille meines Urgrossvaters und viele weitere Fotos.
Jetzt verstand ich, warum meine Urgrossmutter mir nie erlaubt hatte, auf den Dachboden zu gehen, und warum das Gespräch über meinen Urgrossvater für sie ein so heikles Thema war.
Ich rief meine Mutter, um ihr alles zu zeigen. Auch sie wurde sehr traurig. Sie erzählte mir, wie sehr meine Grossmutter sich gewünscht hatte, ihren Vater kennenzulernen. Später lasen wir gemeinsam den letzten Abschiedsbrief meines Urgrossvaters. Das Datum oben auf dem Brief war wahrscheinlich sein Todestag. Da seine Leiche nie gefunden wurde, weiss man bis heute nicht, wann er genau gestorben ist.
Ich weiss nicht, wie meine Urgrossmutter an diesen Koffer gekommen ist, aber ich bin sicher, dass er ihr sehr viel bedeutet hat und wertvoll für sie war. Die ganze Entdeckung hat mich tief berührt und mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Dank ihr habe ich begonnen, mich mehr für den Zweiten Weltkrieg zu interessieren.


Hallo
ich finde die Geschichte sehr spannend. Es weckt Neugier und es ist sehr gut geschrieben. Vor allem dieser Teil vom Brief.
Vielen Dank!😊