3096 Tage

8 years in hell.

Es war ein normaler Montagmorgen, etwas stressig, aber ziemlich normal. Meine Mutter musste mal wieder kommentieren, wie fett ich aussah in dem Kleid, das ich anhatte. Deshalb habe ich mich heute nicht richtig von ihr verabschiedet, als ich aus dem Haus ging um zur Schule zu gehen. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich endlich 10 Jahre alt war, 10 Jahre alt!

Auf dem Weg zur Schule sah ich einen weissen Van, auf der gleichen Strassenseite wie ich, jedoch etwas weiter vorne. Ich überlegte mir, ob ich die Strassenseite wechseln sollte, aber ich habe mir nicht weiter Gedanken darüber gemacht. Gemütlich und freudig war ich unterwegs, da ich endlich wieder in die Schule gehen konnte. Ich war schon fast an diesem weissen Van vorbei, doch plötzlich sah ich nichts mehr. Ich habe geschrien, ich weiss jedoch nicht, ob ich mir das nur vorgestellt habe oder ob ich es tatsächlich tat.


Wie viel Zeit seitdem auch immer vergangen war, ich hatte keine Ahnung. Ich war wach, der Raum, in dem ich mich befinde, ist sehr klein, vielleicht 2 m breit? Auf meiner linken Seite steht ein Hochbett, gegenüber ein Schreibtisch und neben dem Eingang ein Lavabo, mit einem kleinen Spiegel darüber.

Irgendein Geräusch erklang. Schritte? Ja, Schritte. Ich fürchte mich, wer hatte mich in diesen Van gezerrt? Die Tür ging auf, ein Mann stand vor mir. Drohungen über Drohungen. Er sagte mir, wenn ich nicht ruhig sein würde, würde er mich töten. Ich will nicht sterben, also bin ich jeder Anweisung dieses fremden Manns gefolgt. Er sagte permanent, dass niemand nach mir sucht. Ist das wirklich wahr? Interessiert sich niemand, dass ich weg bin? Haben die Leute es überhaupt gemerkt?


Ein halbes Jahr verging. Ich werde immer geschlagen, wenn ich Anweisungen nicht befolge. Essen bekomme ich fast nie, ich merke, wie ich abnehme. Seit einem halben Jahr bin ich konstant in diesem Raum. Die Sonne habe ich schon lange nicht mehr gesehen, ich vermisse es, in die Schule zu gehen. Der Mann hat mir gesagt, wie er heisst. Wolfgang Přiklopil.

Inzwischen darf ich ins Haus gehen, mein „Zimmer“ ist eine Art Keller. Ich werde gezwungen für ihn zu putzen und zu kochen, sogar Renovierungsarbeiten muss ich für diesen Mann machen. Wenn ich rauf gehe, dann ist Wolfgang immer bei mir und bedroht mich andauernd, ohne Unterbrechung. Er bleibt mit mir im Badezimmer, ich fühle mich so unwohl, wenn ich nackt vor ihm stehen muss.


Jahre sind schon vergangen seit dem Tag meiner Entführung. Ich habe gestern meine Menstruation bekommen. Da alles voller Blut war, hat mich Wolfgang geschlagen. Er liebt Ordnung, deshalb schnitt er mir eine Glatze. Meine Haare fielen mir oft aus, er hat es gehasst. Ich konnte nur weinen, als er meine Haare schnitt, meine schönen Haare.

Wolfgang ist nun wie eine Art Vaterfigur für mich, vielleicht ist das ein wenig komisch, so was zu denken, aber das ist nun mal einfach so. Er gibt mir manchmal Unterricht, er gibt mir oft etwas zu lesen oder sogar ein Blatt Papier, um etwas zu schreiben. Schreibe ich jedoch etwas, das ihm nicht gefällt, werde ich wieder gedemütigt und geschlagen, was mir auch schon Gehirnerschütterungen verursacht hat.


Der Tag ist gekommen. Ich habe nichts anderes erwartet, aber ich habe gehofft, dass es nicht so sein würde. Er nahm mich in sein Zimmer mit, fesselte mich an sein Bett gefesselt und misshandelte mich sexuell. Ich konnte nicht heulen, obwohl es sehr doll wehgetan hat. Ich musste heute mit ihm in seinem Bett schlafen. Er hat unsere Hände mit Handschellen aneinandergekettet, damit ich nicht fliehen kann.


Wolfgang und ich gehen heute Skifahren. Nach Jahren, in denen ich ununterbrochen in diesem Haus lebte, durfte ich endlich mal raus. Er bedrohte mich. Falls ich mit jemandem kommunizieren würde, würde er mich und die betreffende Person töten. „Ich muss auf die Toilette“, sagte ich zu Wolfgang. Er begleitete mich zur Toilette und wartete vor der Türe.

Ich sass auf der Toilette und hörte jemand reinkommen, ich spülte und stürmte aus der Kabine, eine Frau stand dort. Ist das meine Chance, meine Freiheit zurückzubekommen? „Ich bin Natascha Kampusch, ich wurde vor ein paar Jahren entführt, können Sie mir bitte helfen?“ Die Frau schaute mich nur komisch an und sagte in einem sehr schlechten Deutsch, dass sie mich nicht verstanden habe. Schon war die einzige Chance aus dieser Hölle zu fliehen wieder weg.


Ich muss Wolfgang helfen, seinen Van zu putzen, weil er diesen noch heute verkaufen will. Inzwischen bin ich schon 18 Jahre alt, auch wenn ich nicht wirklich danach aussehe. Ich staubsauge das Innere des Vans, als plötzlich Wolfgangs Handy klingelt. Ich machte mit meiner Arbeit weiter, während er telefonierte. „Ich gehe kurz rein, ich höre nicht, was der Herr sagt, mach deine Arbeit weiter – ich komme gleich wieder.“

Nachdem Wolfgang ins Haus gegangen ist, fällt mein Blick auf das Gartentor, das einen Spalt weit offen steht. Ich denke nichts, es ist eine plötzliche Reaktion – meine einzige und letzte Chance zu fliehen. Ich lasse den Staubsauger an, damit Wolfgang denkt, ich mache meine Arbeit weiter.

Das Tor, meine Chance. Auch wenn es ein ziemlich kleiner Spalt ist, ich passe perfekt durch. Ich habe es geschafft! Ich getraue mich nicht, einen Blick zurückzuwerfen. Renn, renn, um deine Freiheit.

Ich sah ein Haus, rannte durch das Gartentor und klopfte an die Tür. Eine Frau öffnete. „Ich bin Natascha, Natascha Kampusch! Ich wurde vor 8 Jahren entführt. Rufen Sie bitte die Polizei!“, brach es aus mir heraus. Die Frau nahm ihr Telefon aus der Tasche und machte, was ich ihr sagte.


Die Polizei holte mich ab. Bin ich wirklich frei? Habe ich es geschafft? Ich kann es nicht glauben. Auf der Polizeistation musste ich einen DNA-Test abgeben, damit überprüft werden konnte, ob ich wirklich Natascha bin. Erst nach der Bestätigung wurden meine Eltern benachrichtigt.

Nach 8 Jahren, 3096 Tage – habe ich meine Freiheit, Familie und mein Leben zurückbekommen.


Die Polizei hat mir mitgeteilt das Wolfgang sich das Leben genommen hat, ich konnte nur weinen. Ich weiss nicht wieso, aber das war meine einzige sinnvolle Reaktion.


Das war die Geschichte von Natascha Kampusch, einer österreichischen Autorin, Schmuckdesignerin und ehemaliger Fernsehmoderatorin. Natascha wurde am 17. Februar 1988 in Wien geboren, sie wurde auf dem Weg zur Schule entführt – zu dieser Zeit war sie 10 Jahre alt. Ihr Entführer Wolfgang Přiklopil nahm sich nach ihrer Flucht das Leben. Natascha lebte 3096 Tage in Gefangenschaft. Sie veröffentlichte 2010 (4 Jahre nach der Flucht), eine Autobiografie „3096 Tage“. 2013 ist der gleichnamige Film im Kino gelaufen.


Noch eine Information zu der Geschichte, die ich in der „Ich-Form“ erzählte. Natascha Kampusch hat nie die Frage beantwortet, ob sie sexuell missbraucht wurde oder nicht. Das habe ich in die Geschichte eingebaut. Das bedeutet aber nicht, dass es sich wirklich so ereignet hat.

Allerdings hat Natascha wirklich geweint, als die Polizei ihr mitteilte, dass Wolfgang tot war. Die Medien dachten, dass Natascha unter dem Stockholm-Syndrom leide, jedoch sagt Natascha ganz klar, dass dem nicht so war. Sie hätte keine andere Reaktion haben können, da er in diesen 8 Jahren ihre einzige Bezugsperson gewesen war. Egal, ob er sie misshandelt hatte oder nicht.


Stockholm-Syndrom: Das Stockholm-Syndrom ist ein Syndrom in der Psychologie, in dem das Opfer sich in den Entführer verliebt. → Falls ihr mehr über das Stockholm-Syndrom erfahren wollt, könnt ihr hier nachlesen, was das ist.

3 Antworten auf „3096 Tage“

  1. Du hast die Geschichte von Natasha Kampusch sehr gut weitererzählt. Ich habe den Film auch gesehen und es stimmt alles überein mit deinem Text. Ich finde es sehr gut, dass du darüber schreibt, weil es noch heute solche Fälle gibt.

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