Das perfekte Leben?

1970, New Orleans

Bars, Frauen und feiern. So sieht mein Leben in New Orleans aus. Billardspielen ist ein Standard, saufen genauso. Aktuell habe ich keine Partnerin, um ein „perfektes Leben“ zu führen. Für mich bedeutet das perfekte Leben in New Orleans jeden Tag eine andere Frau, mit meinen Kollegen Zeit verbringen, so einfach.

Neben meinen Party-Leben bin ich eine kreative Person. Ich male Portraits oder Landschaften, Sachen zu gestalten, ist mein Ding. Vielen Leuten scheint mein Leben traurig und sinnlos, mir nicht. Für mich ist dieses Leben genau das, was ich momentan brauche.

Mein Leben vorher war sinnlos und traurig. Ich habe meine einzige Tochter an Krebs verloren. Das war der Moment, als ich zu malen begann. Ich habe keine Foto von ihr, nur ein Porträt, das ich selbst in Öl gemalt habe. Sie war ein kleiner Engel, sie sah so aus wie ihre verstorbene Mutter, meine wahre Liebe. Sie starb leider während der Geburt meines Mädchens.

Manchmal denke ich noch an sie. Die Zeit mit ihr war mein perfektes Leben. Deshalb möchte ich diese Art von Leben nicht mehr, auf jeden Fall jetzt nicht. Ich bin über das, was geschehen ist, hinweg, das rede ich mir zumindest ein. Ich vermisse sie, meine verstorbene Frau und meine verstorbene Tochter. Als sie gestorben sind, war ich bei beiden an ihrem Spitalbett. Ich wünschte, es wäre anders herausgekommen.

1960, Arkansas

„Wir haben kein Puls mehr. Aufladen! Clear!“ Ich konnte die Ärzte alles sagen hören, von aussen sah ich zu. Stunden später musste ich mir anhören, dass meine Tochter lebt, meine Frau nicht.

1967, Chicago

„Papa, werde ich sterben? Wenn ja, vergiss nicht, dass ich dich liebe.“ Ihre letzten Worte. Danach nur noch – peeeeep. Sie ist tot.

Zurück in 1970, New Orleans

Ich erinnere mich genau, wie beide vor meinen Augen gestorben sind.


Dieser Text entstand im Rahmen der ABC-Etüden von Christiane3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Die Wortspende für die Textwochen 42/43 des Jahres 2022 stammt von Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lautet: Billiard, aktuell, gestalten.

6 Antworten auf „Das perfekte Leben?“

  1. Ach, was für eine Tragödie. Und ja, ich finde es glaubwürdig, dass jemand, der so etwas erleben musste, erst mal sagt, dass er eine Pause davon braucht. Aber man kann sich auch ans Alleinsein gewöhnen, und dann da wieder rauszukommen und das Vertrauen ins Leben aufzubringen, es noch mal zu versuchen, ist auch nicht einfach.
    Danke dir, dass du mitgeschrieben hast, ein schöner Text ist dir gelungen.
    Nachmittagskaffeegrüße ⛅🍃🍁☕👍

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