Der endlose Traum

Ich öffne die Augen und es fühlt sich an, als hätte ich gerade einen Sprung durch die Zeit gemacht. Mein Kopf ist leer, meine Erinnerungen verschwommen. Ich weiss nicht, was davor passiert ist, aber aus einem unbekannten Grund stehe ich auf einer Strasse. Keine Ahnung, welche. Doch etwas sagt mir, dass ich in Amerika bin. Und zwar in der Vergangenheit.

Und warum zur Hölle trage ich diese hässlichen, unbequemen Cowboy-Stiefel?

„Ahhh omg …“, murmle ich, während ich mich umblicke. Ich merke, dass ich auf einem hellblauen Pferd sitze. Was passiert hier? Warum bin ich hier?

„Hey, what’s up?“, fragt plötzlich eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich erschrocken um. Und was sehe ich? Meine Grossmutter sitzt seelenruhig hinter mir auf dem Pferd, mit einer Flasche Wodka in der Hand.

„Omg, was machst du hier?! Und warum hast du das?!“, frage ich völlig verwirrt.

Ohne nachzudenken, reisse ich ihr die Flasche aus der Hand und werfe sie auf den Boden. Es gibt ein lautes Klirren. Seit wann trinkt sie Wodka? Und warum gerade jetzt?

Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, passiert es: Aus dem Nichts fliegt mir Hulks Faust ins Gesicht. Es geht alles so schnell, dass ich keine Zeit zum Reagieren habe. Ich werde einfach weggeschlagen.

Ich blinzle und finde mich in meinem Zimmer wieder. „Hä, wie bin ich jetzt wieder hier?“ Ich setze mich auf und seufze. „Ach egal. War bestimmt nur einer dieser komischen Träume.“

Ich greife nach dem Glas Wasser, das ich immer auf meinem Nachttisch stehen lasse, und nehme einen Schluck. Aber etwas stimmt nicht. Es schmeckt anders. Zu süss, zu … seltsam. Ich kann es nicht genau einordnen.

„Was zur Hölle?“, murmle ich und stelle das Glas zurück. Dann lege ich mich wieder hin und schliesse die Augen.

Und als sie erneut öffne, finde ich mich im Bett von Alice im Wunderland wieder.

„Zum Glück nicht so brutal wie das letzte Mal“, denke ich erleichtert, während ich mich frage, was als Nächstes kommt.

Ich liege immer noch im Bett von Alice, aber irgendwie fühlt sich alles anders an. Die Wände sind nicht wirklich Wände, sondern sie scheinen sich zu bewegen, als ob sie atmen. Ich schaue mich um. Irreale, riesige Pilze leuchten in verschiedenen Farben und Blumen, die miteinander reden.

„Oh, du bist wieder da“, sagt eine der Blumen und schaut mich mit ihren kleinen, geselligen Augen an. „Du solltest aufpassen, wo du hintrittst, sonst wird der Hase wieder sauer.“

„Was zum …?“, flüstere ich, während ich von einem riesigen, sprechenden Hasen auf einem zu grossen Stuhl entdeckt werde.

„Hast du meine Uhr gesehen?“, fragt er mit einer hohen, piepsigen Stimme. Ich starre ihn nur an und beobachte, wie er hektisch hin- und herhüpft. Wo zur Hölle bin ich jetzt schon wieder?

„Warum läuft hier alles so verrückt?“, frage ich mich selbst, als der Hase plötzlich in eine andere Richtung davonhuscht und dabei ununterbrochen murmelt: „Ich bin spät! Ich bin spät!“

Langsam und vorsichtig folge ich ihm. Doch plötzlich wird der Boden unter meinen Füssen weich, als würde ich auf einem riesigen, lebenden Teppich laufen. Dann sehe ich ihn: den berühmten Teetisch.

Der verrückte Hutmacher sitzt dort mit einem breiten Grinsen. „Ah, du bist endlich angekommen! Setz dich! Wir haben noch viel zu tun!“

„Ähm, nein, danke …“, sage ich, während ich mich dennoch hinsetze, als ob eine unsichtbare Kraft mich dazu zwingt. Der Hutmacher grinst noch breiter.

„Es gibt immer eine Lösung, aber nicht immer eine Antwort. Verstehst du?“

„Was?“, frage ich verwirrt. Doch bevor ich weiter überlegen kann, spüre ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter.

Ich drehe mich um und da steht meine Grossmutter wieder. Dieses Mal ohne Wodka, aber mit einem riesigen, roten Hut.

„Komm, wir gehen. Es ist Zeit, deinen Platz hier zu finden.“ Ich bleibe stehen, total verwirrt. Und als ich blinzele, bin ich wieder auf der Strasse. Mit den hässlichen Cowboy-Stiefeln und einem Pferd unter mir.

„Ach, was auch immer“, murmle ich und schliesse wieder die Augen.

Der Hutmacher hebt seine Tasse und winkt mir zu. „Du musst dich entscheiden, aber sei vorsichtig, es gibt keinen Rückweg.“

„Was?“, will ich gerade fragen, doch plötzlich ertönt ein lauter Wecker.

Die ganze verrückte Szene löst sich auf, als hätte sie nie existiert. Die bunten Blumen, die riesigen Pilze und der Hase verschwinden wie Nebel in der Morgensonne.

„Hä? Was …?“ flüstere ich, als ich mich umblicke. Der Tisch ist weg, der Hutmacher verschwunden und ich bin wieder in meinem eigenen Bett.

„Oh nein!“ Ich springe auf und schaue auf die Uhr. Es ist schon viel später, als ich dachte. Ich habe den ganzen Morgen verschlafen! Ich muss dringend aufstehen, um noch zur Schule zu kommen. Aber mein Kopf fühlt sich an, als wäre er gerade aus dem Weltall zurück auf die Erde geknallt.

„Ich habe wirklich wieder zu viel geträumt …“, murmle ich und lasse mich zurück auf das Bett fallen.

Die Reise durch Alice im Wunderland, die Cowboy-Stiefel, meine Grossmutter mit Wodka, all das fühlt sich an, als wäre es aus einem anderen Leben.

Mit einem leisen Seufzer drehe ich mich auf die Seite und ziehe die Decke über den Kopf. „Vielleicht noch fünf Minuten“, flüstere ich und schliesse meine Augen.

Denn es waren ja Ferien. Ich hatte gar nicht verschlafen.


Verfasst wurde dieser Beitrag von Amal im Wahlfach Bloggen 24/25.

2 Antworten auf „Der endlose Traum“

  1. Wow, das waren aber wirklich ziemlich viele verrückte Träume. Es gefällt mir, in welcher Art du sie geschrieben hast, z. B. mit den Gesprächen. Toller Text!

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