Einleitung
Wir bekamen vor den Winterferien von Frau Widmer den Auftrag, ein Interview mit einer Person zu führen, die schon einmal emigriert ist. Dabei gab es bestimmte Vorgaben: Es durften nicht die eigenen Eltern sein und die Person musste bei der Migration über 20 Jahre alt gewesen sein. Nach diesem Interview sollte man aus den Informationen, die man bekommen hat, mehrere Kapitel zu verschiedenen Themenbereichen verfassen.
Das Interview musste bis zu einem festgelegten Datum durchgeführt werden, um nach den Ferien mit der Schreibarbeit zu beginnen. Als Frau Widmer das Projekt ankündigte, war ich sehr gespannt darauf, ein Stück Familiengeschichte zu erfahren. Da ich schon von Verwandten wusste, dass ein solches Projekt an der Oberstufe Ennetgraben durchgeführt wird, war ich nicht überrascht.
Insgesamt habe ich mich auf das Projekt gefreut und finde es eine coole Idee. Als Interviewpartner wählte ich meinen Grossvater, da er gerne über seine Vergangenheit erzählt. Ich habe dreissig Fragen auf Albanisch vorbereitet, weil mein Grossvater die deutsche Sprache nicht so gut versteht. Nach dem Interview habe ich die Audiodatei Frau Widmer geschickt, wie es vorgesehen war.
Herkunft
Mein Grossvater wuchs in einem kleinen Dorf namens Rečan im Nordwesten Nordmazedoniens auf. Das Dorf gehört zur Gemeinde Gostivar. Er lebte dort in sehr einfachen Verhältnissen, was ihn aber nicht störte. Als er in der sechsten Klasse war, zog die Familie in die nächstgrössere Stadt, nach Gostivar.
Vor dem Umzug hatten mein Urgrossvater und mein Urgrossonkel ein Haus gebaut, in dem die Familie später lebte. Im Gegensatz zu Rečan gab es in Gostivar richtige Supermärkte und Strassen. Aber die Strassen waren nicht perfekt, da sie Einschlaglöcher hatten und nicht gereinigt wurden.
Das Leben in der Stadt war für meinen Grossvater deutlich einfacher. Die Schule lag in der Nähe und es gab mehr Ausbildungsmöglichkeiten. Nach dem Schulabschluss zog er nach Vranje im Südosten Serbiens, um dort zu arbeiten, weil seine Familie dort eine Bäckerei besass. Später eröffneten sie eine weitere Bäckerei in Leskovac.
Gründe und Abreise
Der Hauptgrund für die Auswanderung war, dass er ein besseres Leben für seine Familie wollte und deswegen in die Schweiz migriert ist. Er wollte dort arbeiten, damit er seiner Familie Geld schicken konnte. Ein anderer Grund war, dass er keine richtige Arbeit hatte. Das war so, weil er damals, wie schon erwähnt, eine Art Bäckerei zusammen mit Verwandten hatte und diese im heutigen Serbien lag.
Die Bäckerei befand sich in einer Stadt namens Leskovac, das im Süden von Serbien liegt. Im damaligen Jugoslawien war die politische Lage schon sehr angespannt. In vielen Läden wurde randaliert und eingebrochen. Da ihre Bäckerei auch davon betroffen war, konnte er nicht mehr arbeiten.
Bevor er die Migration in die Schweiz antrat, hatte er Bedenken und fragte sich, ob er sich dort zurechtfinden würde. Wie sollte er die Sprache lernen, wo würde er Arbeit finden, welche Arbeit könnte er überhaupt machen? Schliesslich entschied er sich zur Auswanderung. Er packte nur das Nötigste in seinen Koffer. Seine Familie unterstützte ihn von Anfang an und wünschte ihm eine gute Reise.
Ankunft
1986 begann die 19-stündige Reise meines Grossvaters von Skopje nach Buchs im Kanton St. Gallen. An der Grenze wurde er ärztlich untersucht, um seine Gesundheit zu überprüfen. Nach der Einreise reiste er weiter ins thurgauische Dorf Schönenberg.
Als er ankam, merkte er einen riesigen Unterschied zu seinem Heimatland, da alles sehr organisiert und ordentlich war. Er musste sich auch daran gewöhnen, dass er in einem christlichen Land lebte, da er muslimisch aufgewachsen ist. Es gab auch politische Unterschiede, weil im damaligen Jugoslawien eine kommunistische Regierung herrschte, in der Schweiz aber eine direkte Demokratie.
Mein Grossvater war froh, dass er ohne Zwischenfälle in einem politisch stabileren und wirtschaftlich sicheren Land angekommen war. In Schönenberg suchte er sich eine Arbeit, die er dann als Metallbauer gefunden hat.
Integration
In Schönenberg arbeitete mein Grossvater gemeinsam mit einem Verwandten als Metallbauer. Nach einem Jahr zog er nach Affoltern am Albis im Kanton Zürich, wo er ein Saisonvisum erhielt.
Anfangs hatte er allgemeine Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft einzuleben, weil er die Sprache nicht konnte und die Schweizer Kultur nicht kannte. Er arbeitete als Gipser bei der Firma Henggler AG. Da lernte er die deutsche Sprache mit seinem Chef Hans.
Er hatte nicht so viele neue Freundschaften geschlossen, weil er fokussiert auf seine Arbeit war und einen guten Eindruck hinterlassen wollte, damit er ein neues Saisonvisum bekam. Durch Unterstützung von Freunden und Familie konnte er sich besser in die Gemeinschaft integrieren. Besonders motivierend für ihn war, dass seine Arbeitsleistungen mit viel Geld entlohnt wurden.
Doch mein Grossvater hatte grosses Heimweh und Schwierigkeiten damit umzugehen. Er vermisste seine Familie sehr, auch wenn sie ihn ab und zu mal besuchten. Aber er hatte keine Kollegen in Affoltern am Albis. Er löste das Problem, indem er Kontakt mit Einheimischen suchte und Traditionen der Schweiz kennenlernte.
Sein Leben veränderte sich stark, als er nach vier Jahren die Aufenthaltsbewilligung B erhielt.
Zukunft
Heute fühlt sich mein Grossvater sowohl in der Schweiz als auch in Nordmazedonien zu Hause. Er pendelt regelmässig hin und her, wobei er inzwischen mehr Zeit in Nordmazedonien verbringt. Als ich noch kleiner war, blieb er jedoch häufiger in der Schweiz. Er reiste jeweils eine Woche vor den Sommerferien ab und kam kurz nach deren Ende wieder zurück.
Mein Grossvater ist in der Schweiz, aber auch in Nordmazedonien zu Hause. Er pendelt sehr oft hin und her. In Nordmazedonien ist er aber jeweils länger als in der Schweiz. Als ich noch kleiner war, war er jedoch häufiger in der Schweiz. Er reiste jeweils eine Woche vor den Sommerferien ab und kam kurz nach dem Ende wieder zurück.
Rückblickend war die Migration damals die richtige und eine gute Entscheidung. Sie ermöglichte es, seinen Kindern und Enkelkindern ein besseres Leben zu bieten. Inzwischen ist mein Grossvater seit Längerem pensioniert. Er geht oft in die Moschee, um seine 5 Gebete am Tag zu absolvieren, und trifft dort auch seine Kollegen.
Er würde anderen Menschen die Auswanderung empfehlen, aber nur, wenn man bereit ist, sich mit vollem Einsatz anzustrengen und sich den Herausforderungen zu stellen. Seine Träume, ein eigenes Haus in der Heimat zu bauen und dorthin zurückzukehren, hat er sich erfüllt.
Er würde anderen Menschen die Auswanderung empfehlen, aber nur, wenn man sich 120 % Mühe bei der Arbeit gibt und bereitet ist, auf mögliche Herausforderungen zu reagieren. Seine Träume, ein eigenes Haus in der Heimat zu bauen und dorthin zurückzukehren, hat er sich erfüllt.
Fazit
Während der Arbeit an diesem Projekt habe ich viel über Migration gelernt. Besonders wichtig war für mich, zu verstehen, welche Überlegungen vor der Auswanderung eine Rolle spielen und welche Unterschiede zwischen Herkunfts- und Zielland bestehen.
Mein Grossvater erzählt gerne über seine Vergangenheit und deswegen kannte ich schon ein paar Geschichten, die er erlebte. Was neu für mich war, waren die Gründe, warum er in die Schweiz gekommen war, und ich verstehe, warum es für ihn in Jugoslawien schwierig war. Persönlich haben mir Fragen weitergeholfen, die man nicht mit Ja oder Nein, sondern detaillierter und ausführlicher beantworten konnte.
Ich habe gelernt, dass ein solches Projekt Zeit braucht. Anfangs unterschätzte ich den Umfang eines Kapitels.
Ich stellte zu jedem Thema gezielt Fragen und schrieb die Antworten sorgfältig auf. Mein Vater unterstützte mich dabei, indem er mir einige Aussagen meines Grossvaters genauer erklärte.
Für zukünftige Schreibarbeiten habe ich gelernt, mehr ins Detail zu gehen. Obwohl ich anfangs Zweifel hatte, ob mein Text lang genug werden würde, bin ich heute sehr stolz auf das Endresultat meines Migrationsporträts.
Dieser Text wurde von Ajan im Wahlfach Bloggen 24/25 geschrieben.

