Little girl, big mind

Dies ist ein Rückblick auf Zeiten, in denen ich traumatische Erfahrungen machen musste. In diesem Text geht es um gestörtes Essverhalten und Mobbing.
Wenn du Ähnliches durchmachst, kannst du dich jederzeit an die Dargebotene Hand wenden. Die Telefonnummer ist 134.

Mobbing

Das Mobbing begann mit der Einschulung. An den Kindergarten erinnere ich mich kaum. Ein Vorfall hat sich jedoch stark eingebrannt: Mir wurden faustgrosse Steine nachgeworfen. Ich rannte vor den Jungen davon, zu einem Haus neben dem Spielplatz des Klettergartens. Dort kletterte ich zu einem vergitterten Fenster hoch, während Stein um Stein meinen Rücken traf.

Als die Erzieherin das Geschehen mitbekam, griff sie ein und holte uns alle hinein. Anhand von Illustrationen erklärte sie, wie gefährlich die Aktion gewesen war. Noch heute habe ich kleine, kaum sichtbare Narben am Rücken. Später erzählte mir mein Vater, dass er beim Abschlussfest im Kindergarten beobachtet hatte, wie ein gleichaltriger Junge mich zu Boden stiess und auf mich eintrat.

In der zweiten Klasse hatte ich Freundinnen, die beliebt waren. Ich selbst gehörte nicht dazu, aber meine beste Freundin Lin (Name geändert) war die beliebteste von allen. Lange dachte ich, es würde immer so bleiben. Doch dann kam ich früh in die Pubertät, bereits mit acht oder neun Jahren. Mein Körper veränderte sich schnell, ich bekam ausgeprägte Kurven und Dehnungsstreifen, vor allem an den Oberschenkeln. Ich wuchs sehr schnell.

Den Moment in der Umkleide werde ich nie vergessen. Lin stand auf, zeigte auf mich und rief laut „Nilpferd! Du bist so fett, dass deine Oberschenkel reissen!“ Worte meiner damals besten Freundin. An diesem Tag ging ich zum ersten Mal alleine nach Hause und weinte in meinem Zimmer.

Essstörung

Nach dem „Nilpferd“ folgten weitere Sticheleien. Mitte der dritten Klasse verlor ich oft den Appetit, gleichzeitig begann das Binge-Eating. Ich war traurig, ass unaufhörlich und abends beim Zähneputzen übergab ich mich voller Schuldgefühle. Mit zehn Jahren stand ich in Unterwäsche vor dem Spiegel und zeichnete mit Edding Linien an meinem Körper, um zu markieren, wie ich aussehen wollte.

Bis heute habe ich Schwierigkeiten, vor anderen Menschen zu essen, wenn ich mich nicht sicher fühle. Schon eine Bemerkung wie „Willst du das alles essen?“ reicht, um meinen Appetit sofort zu verlieren. Zum Glück ist es nicht mehr so schlimm wie früher: Nach einigen Minuten kann ich meist wieder weiteressen.


Dieser Text entstand im Wahlfach Bloggen 24/25, geschrieben wurde er von Rose.

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