Geschichte über die Japanerin und den Amerikaner

Inspiriert von Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“

Es war einmal eine junge Frau namens Jin-Lu-Na. Sie lebte in einem kleinen Tal in Japan. Sie hatte eine kleine Wohnung und gleich nebenan wohnten ihre Eltern und ihre kleine Schwester.

Ein ruhiger Sonntag im Tal

Es war ein ruhiger Sonntagmittag, Jin-Lu-Na lag in ihrem Bett und las ein Buch. Darin ging es um Soldaten aus Nordamerika, die über Meere segelten und Berge erklommen, bis sie beim Gegner ankamen und bereit waren, gegen den Krieger Jin-Lung zu kämpfen. Sie liebte dieses Buch und hatte es schon dreimal gelesen. Sie wünschte sich so sehr, all das einmal im echten Leben zu erleben.

Am Nachmittag ging sie ins Dorf, um Brot und Käse zu kaufen. Plötzlich hörte sie ein lautes Geräusch aus der Richtung ihrer Wohnung. Sie bezahlte so schnell wie möglich und rannte zum Brunnenplatz. Dort stand ein Mann mit weiten Hosen und einer riesigen Zeitung in der Hand auf dem Brunnenrand und verkündete laut:

„Heute Abend wird hier auf diesem Platz ein grosses Fest stattfinden. Auch die bekannten Soldaten aus Nordamerika werden zu Besuch kommen. Also seid gespannt!“

Die Menschen klatschten begeistert und Jin-Lu-Na war sofort neugierig. Internationale Austauschprogramme waren selten in ihrem abgelegenen Tal.

Das grosse Fest am Brunnenplatz

Stunden vergingen und es wurde Abend. Immer mehr Menschen versammelten sich auf dem Platz, bis man von allen Seiten Stimmen hörte und überall die kulturelle japanische Musik erklang. Jin-Lu-Na machte sich bereit und ging ebenfalls los. Sie ass ein paar Dumplings und trank dazu Holundertee. Sie war somit entspannt und fröhlich.

Eine laute Trompete war zu hören und die Gespräche verstummten. Etwa zwanzig uniformierte Männer und Frauen traten in die Mitte des Platzes. Ein Offizier sagte: „Guten Abend! Wir sind Teil eines kulturellen Austauschprogramms. Wir werden die nächsten Tage hier verbringen, mit euch feiern und euer Dorf kennenlernen. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft!“

Jin-Lu-Na war fasziniert. Sie wollte so nahe wie möglich an die Gruppe herankommen, doch es waren so viele Menschen da, dass sie gar nicht bis nach vorn gelangen konnte. Also blieb sie am Rand des Platzes stehen, streckte sich ein wenig und versuchte, die Soldaten trotzdem gut zu sehen.

Eine unerwartete Begegnung

Später am Abend, als sie für einen zweiten Tee anstand, bemerkte sie, dass hinter ihr ein grosser Mann wartete. Es war einer der Soldaten. Sie drehte sich um und fragte freundlich: „Möchten Sie vor?“

Er erwiderte: „Nein, nein, schon gut. Ich habe den ganzen Abend frei, meine Schicht ist vorbei. Ich heisse übrigens Jack“ „Ich bin Jin-Lu-Na“, sagte sie. „Wie ist es, so viel zu reisen?“ Jack lächelte. „Spannend, aber auch anstrengend. Wir besuchen viele Orte, trainieren, lernen andere Kulturen kennen. Reist du gerne?“ „Sehr gerne. Aber es ist teuer und ich war nie weit weg von hier.“

Jack dachte kurz nach. „Wir starten morgen eine Tour durch mehrere Regionen. Das ist Teil des Austauschprogramms. Auch Dorfbewohner dürfen mit, damit sie sehen, wie unser Alltag aussieht. Wenn du willst, kannst du uns begleiten. Morgen früh um sieben treffen wir uns wieder hier.“

Sie staunte. „Wirklich? Wohin geht ihr denn?“ „Zuerst zu einem alten Tempel in China, der restauriert wird. Dann in eine Grossstadt, wo wir in einem sehr schönen Hotel übernachten. Es wird eine gemischte Woche, Arbeit, Kultur und etwas Freizeit.“ Ihre Augen leuchteten. „Ja, unbedingt! Ich freue mich auf morgen.“

Am nächsten Morgen stand sie früh auf, packte warme Kleidung und Schuhe in ihren Koffer und verabschiedete sich von ihrer Familie. Ihre Mutter begegnete ihr auf dem Weg und fragte überrascht: „Wohin gehst du mit deinem Koffer?“ Jin-Lu-Na erzählte ihr kurz vom Austauschprogramm und ihre Mutter nickte.

Als sie beim Brunnen ankam, waren die meisten Soldaten schon mit ihren Gästen da. Jin-Lu-Na fand Jack und gemeinsam starteten sie mit der Gruppe ihre Reise.

Eine Woche voller Abenteuer

Die Woche verging wie im Flug. Sie besuchten einen Tempel in China, wo die Soldaten halfen, die Anlage zu sichern, während Wissenschaftler arbeiteten. Sie schliefen in einem grossen Hotel mit Pool und Bar, und Jin-Lu-Na bestaunte die riesige Stadt, die nie zur Ruhe kam. In Südkorea besuchten sie zum Abschluss einen traditionellen Maskenball, bei dem die Gruppe für Ordnung sorgte.

Als sie zurück in Japan waren, hatten die Soldaten zwei Wochen Ferien. Jack blieb bei Jin-Lu-Na, und je mehr Zeit sie miteinander verbrachten, desto klarer wurde ihnen, dass sie zusammengehören wollten. Nach einigen Monaten hielt Jack um Jin-Lu-Nas Hand an, und sie sagte Ja.

Kurz darauf beschlossen sie, gemeinsam nach Nordamerika zu ziehen. Dort bauten sie sich ein neues Leben auf und gründeten eine kleine Familie. Einige Zeit später kam ihre Tochter zur Welt, die sie Ju-Ki nannten. Jin-Lu-Nas Familie akzeptierte Jack, auch wenn der Abschied schwerfiel, denn sie wussten, dass er gut für sie sorgen würde.

Die Entscheidung, die alles verändert

Doch eines Tages, an einem kalten Wintermorgen, bekam Jack eine Nachricht. Er wurde für eine internationale Mission benötigt, die mehrere Monate dauern sollte. Jin-Lu-Na war nicht einverstanden. Sie wollte nicht allein mit dem Kind bleiben, tausende Kilometer von ihrer Familie entfernt.

„Es wäre viel zu anstrengend für mich“, sagte sie verzweifelt. „Hier habe ich niemanden. Und wenn du gehst, würde meine Familie nichts mehr von dir wissen wollen. Bei uns kommt die Familie immer zuerst. Aber du siehst das nicht so.“ Sie bat Jack. „Geh nicht, bitte. Ich kann das nicht allein.“

Jack widersprach ihr und antwortete: „Ich weiss. Aber ich muss gehen. Ich kann meinen Job nicht einfach aufgeben.“

Am nächsten Morgen musste Jack gehen. Jin-Lu-Na war zwar immer noch nicht einverstanden, doch sie hatte keine Wahl. Sie musste es schaffen. Allein in einem fremden Land, weit weg von ihrer Familie und den Freunden, die ihr sonst geholfen hätten. Einen ganzen Monat musste sie nun ohne Unterstützung auskommen, und sie wusste, dass es schwer werden würde. Trotzdem versuchte sie, stark zu bleiben und die Zeit irgendwie zu überstehen.

Ein Monat verging, und endlich kam Jack zurück. Doch obwohl er sich auf seine Familie freute, spürte er Angst in sich. Er musste Jin-Lu-Na etwas gestehen. Als er zu Hause ankam, liefen Jin-Lu-Na und Ju-Ki ihm überglücklich entgegen. Doch Jack wusste, dass er die Wahrheit nicht länger verschweigen konnte.

„Es gibt schlechte Nachrichten“, begann er vorsichtig. „Ist etwas passiert?“, fragte sie besorgt. Jack atmete tief ein. „Es ist gerade viel los auf der Welt. Wegen meines Jobs können wir uns künftig nur noch ein- oder zweimal im Jahr sehen.“

Jin-Lu-Na war enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass sich alles wieder einrenken würde. Doch sie wusste, dass sie es akzeptieren musste, auch wenn ihre Geschichte so schön begonnen hatte und nun einen traurigen Weg nahm.

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