Brief an meine Grossmutter

Why are you that way?

Liebe Grossmutter

Manchmal frage ich mich wirklich, wieso du dich so benimmst, wie du dich benimmst. Wieso du mich nicht einfach so akzeptieren kannst, wie ich bin. Wieso du nicht, wie alle anderen Grosseltern, mir von deiner Kindheit erzählst oder von Sachen berichtest, die du erlebt hast. Warum bist du so? Was habe ich getan, dass du mich nicht liebst?

Fühlst du dich eigentlich nicht schlecht, für all die Worte und Vorwürfe, die du mir an den Kopf geschmissen hast? Meinst du wirklich, dass ich schuld bin, dass ich in der Schweiz aufgewachsen bin? Wieso musst du so eifersüchtig sein? Weshalb konntest du mich nicht so gut behandeln wie alle deine anderen Enkel? Wieso …?

Ich wünschte, du würdest mir Geschichten erzählen. Wie du deine Jugend verbracht hast, was du mit deinen Freunden unternommen hast, wenn ihr feiern gingt. Wie hast du die Zeit zu Hause verbracht, was hast du da gemacht? Vielleicht hättest du mir etwas über die portugiesische Kultur erzählen können, vielleicht hättest du mir nur Märchen erzählt, die Hauptsache wäre gewesen – du hättest mir irgendetwas erzählt.

Du hättest mir helfen können, als ich Hilfe brauchte. Du hättest mir Tipps geben können, was ich machen sollte, wenn ich mich nicht gut fühlte. Was, wenn ein Junge meine Gefühle nicht erwiderte. Vielleicht hättest du mir sogar bei meinen Geschichtshausaufgaben helfen können (wenn es beispielsweise um Vasco da Gama ging).

Wir hätten so tolle Sachen zusammen unternehmen können, wir hätten am Strand einen Spaziergang machen können, wir hätten zusammen in ein Shopping-Center gehen können und dort zusammen shoppen, wir hätten zusammen Rezepte ausprobieren können, wir hätten zusammen sehr viel Spass gehabt. Aber eben, wir hätten.

Ich könnte so viele Sachen aufzählen, die du anders hättest machen können. Aber weisst du, irgendwann bist du auch tot. Nicht dass ich dir so was wünsche, obwohl du mir das Gleiche gewünscht hast. Aber ab dem Moment, an dem du tot bist, bekomme ich alle diese Sachen zurück, die du mir weggenommen hast. Ich werde nie um dich trauern, genauso würdest du auch nicht um mich trauern. Und weisst du, das ist okay. Du wirst nicht hier sein, um zu sehen, wer trauert und wer nicht.

Aber ich hoffe trotzdem, dass ich irgendwann noch eine Entschuldigung von dir bekomme. Für all diese Beleidigungen, über meinen Charakter, meinen Körper, meine Handlungen. Ich weiss nicht, ob du jemals den Mut haben wirst, dich zu entschuldigen für alles Negative, das du mir gesagt hast.

Von dir habe ich nicht mal an meiner ersten Kommunion gehört, dass ich schön aussah. Egal, ob ich ungeschminkt oder geschminkt war, du hattest immer etwas dagegen zu sagen. Ob ich ein wunderschönes Kleid trug oder nur Trainerhosen und einen normalen Pullover. Wenn ich neue Kleider anhatte, musstest du immer sagen, dass sie mir nicht gut standen. Meintest du wirklich, dass sie an mir nicht gut aussahen oder wolltest du mich bei jeder möglichen Gelegenheit runtermachen und beleidigen? War es dir wirklich so viel wert, mein Selbstbewusstsein so tief zu beschädigen?

Ich nehme es dir nicht übel, dass du so zu mir bist. Ich nehme dir nicht übel, was du mir an den Kopf geschmissen hast. Allerdings nehme ich es dir übel, dass ich deinetwegen keine Motivation mehr habe, nach Portugal zu gehen. Ich war so gerne in Portugal, da die Wurzeln meiner Eltern dort liegen, du hattest kein Recht, mir das wegzunehmen.

Im Gegensatz zu dir möchte ich meine Enkel gut behandeln und alles das machen, was du nie mit mir gemacht hast. Ich möchte meinen Enkeln jeden Geburtstag, alles Gute wünschen. Ihnen Geschenke geben an Weihnachten, Ostern oder am Geburtstag. Auch wenn ich nie die Möglichkeit hatte, zu sehen, wie eine Grossmutter zu einem Enkel sein sollte, werde ich probieren, das Beste zu geben, das, was du nicht gemacht hast.

Weisst du, selbst wenn ich mit meinen zukünftigen Enkelkindern nur ein Eis essen gehe oder einen Spaziergang mache, werde ich wissen, dass ich eine bessere Grossmutter bin als du. Es gibt so viele Sachen, die ich mit ihnen machen werde. Ich bin erst 15 Jahre alt und ich weiss schon jetzt, was ich mit ihnen tun werde. Ich werde ihnen sagen, dass sie gut aussehen, auch wenn ich etwas nicht schön finde.

Ich werde ihnen Tipps geben, wie sie eine Farbe mit einer anderen kombinieren können. Egal, ob ich finde, dass es „schlampig“ oder zu „bequem“ aussieht. Hauptsache, meine Enkel werden sich selber schön finden. Hauptsache, sie schauen in den Spiegel und ihnen gefällt die Person, die sie sehen. Ein schönes Gesicht, ohne Make-up oder ohne eine frisch geschnittene Haare.

Ich werde meine Enkel lieben, als wären sie meine eigenen Kinder und ich werde sie nicht runtermachen, weil sie ein Fehler gemacht haben oder etwas machen, was in der Gesellschaft „nicht gut“ aussehen wird. Waren die Meinungen von anderen Leuten dir wirklich so wichtig? Wenn ja, warum?

Früher habe ich dich für all diese Sachen gehasst, heutzutage weiss ich, dass ich nichts falsch gemacht habe. Weisst du, wann ich gemerkt habe, dass es nicht meine Schuld war? Als ich langsam älter wurde und realisierte, dass ich nichts dafür kann, dass es nicht an mir liegt.

Es waren lange Jahre, in denen ich probiert habe, alles an mir zu verändern, was angeblich falsch war. Ich war ein kleines Mädchen, klar bin ich noch nicht so alt und habe nicht so viel Erfahrungen wie du gesammelt, aber ich weiss inzwischen, dass ich nicht diejenige war, die etwas ändern musste, sondern du.

Hast du dir schon mal überlegt, wie es mir geht? Du meinst, ich lebe hier in der Schweiz ein Leben voller Geld, das ist nicht so. Ich bekomme nicht das, was ich will, wann ich will, sondern wenn meine Eltern die Möglichkeit haben, mir etwas zu kaufen, dass ich mir wünsche.

Mir wird es egal sein, wenn wir den Anruf bekommen, dass du tot bist. Aber ich weiss, dass es meiner Mutter, deine älteste Tochter, nicht egal sein wird. Ich werde für meine Mutter da sein, wenn du weg bist, genauso für all meine Cousins und Cousinen. Meine Mutter liebt dich, auch wenn du niemals so eine tolle Mutter, wie sie ist, warst noch jemals sein kannst. Sogar als Mutter bist du nicht die beste oder die netteste.

Ich akzeptiere, dass du mir das nicht gönnst, was ich habe, aber deiner eigenen Tochter? Meiner Mutter? Solltest du als Mutter nicht diejenige sein, die deinen Töchtern oder Söhne, das Beste auf dieser Welt wünscht?

Warum konntest du nicht eine liebe Grossmutter sein? Kann ich dich überhaupt noch Grossmutter nennen?

Ich kann, ohne irgendwelche Hemmungen, sagen, dass.. You are one of the reasons why.

2 Antworten auf „Brief an meine Grossmutter“

  1. Du hast zu viele Fragen, die nicht beantwortet werden, was dich anscheinend ein wenig traurig macht. Ich hoffe für dich, dass mindestens eine Frage eines Tages beantworten wird.

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