Im Rahmen unseres Geschichtsunterrichts setzten wir uns mit dem Holocaust auseinander und arbeiteten dabei mit einer speziellen Lern-App. Die App heisst „Fliehen vor dem Holocaust. Meine Begegnung mit Geflüchteten“ und ermöglichte es uns, durch Video-Interviews und historische Dokumente die Lebensgeschichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kennenzulernen.
Dadurch konnten wir ein persönliches Album unserer Begegnungen erstellen und historische Ereignisse mit der Gegenwart verknüpfen. In dieser App habe ich ein Video über Sophie Haber gesehen.
Sophie Haber, ursprünglich Susi Mehl, wurde am 10. Juli 1922 in Krakau (Polen) geboren und floh 1938 aus Wien (Österreich) in die Schweiz.
Ihre Eltern sprachen Polnisch und Tschechisch, konnten aber auch Deutsch, lehrten dies den Kindern jedoch erst nach dem Umzug nach Wien. Sophie sprach zunächst kein Deutsch und musste es plötzlich in der Wiener Schule lernen. Eine Lehrerin half ihr dabei sehr, und bald konnte sie sich integrieren. Dabei vergass sie ihre polnische Muttersprache vollständig und bedauerte dies später sehr.
Die Familie war jüdisch und gläubig, aber nicht streng orthodox. Zu Hause wurde koscher gekocht, der Vater hielt die Regeln jedoch nicht genau ein.
Sophie erzählte, dass sie in der Schule einmal als „Saujüdin“ beleidigt wurde. Deshalb ohrfeigte sie das Mädchen. Die Mutter dieses Mädchens beklagte sich bei der Schuldirektorin. Sophie erklärte, dass sie stolz darauf sei, Jüdin und gläubig zu sein, aber dass niemand sie Säuli nennen dürfe. Die Direktorin verhängte keine Strafe.
Sophie machte eine Schneiderlehre in einem jüdischen Modesalon in Wien. Als 1938 die Deutschen nach Wien kamen, änderte sich die Situation für Juden.
Während einer Hausdurchsuchung durch die SA versteckte sich Sophie unter einem Bett, doch ihr Vater und ihre Brüder wurden für eine Nacht mitgenommen und mussten Erschiessungen anhören, bevor sie freigelassen wurden. Sie durften über das Erlebte nicht sprechen.
Die Familie plante zunächst, in die USA zu fliehen, erhielt jedoch kein Visum. Sophies drei Brüder konnten noch im August 1938 in die Schweiz fliehen. Im Oktober 1938 organisierten ihre Brüder auch für Sophie eine Flucht in die Schweiz. Ihre Eltern begleiteten sie bis zum Bahnhof, wo Sophie mit einer unbekannten Familie mitgehen musste.
Sie war schockiert, weil sie ihre Eltern verlassen musste, und verabschiedete sich von ihnen. Es war das letzte Mal, dass sie sich sahen.
An der Grenze bei Hohenems überquerte Sophie nachts mit der Familie heimlich den Fluss (Alter Rhein) und gelangte so nach Diepoldsau in der Schweiz. Ihre Brüder brachten sie anschliessend nach St. Gallen zur Polizei, wo ihr Paul Grüninger half.
Er war ein Schweizer Polizeihauptmann, der illegal Einreisedaten manipulierte und so Sophie sowie etwa 3000 anderen Flüchtlingen die Einreise ermöglichte. Es wurde aber schon gegen ihn ermittelt und wenige Zeit später wurde er fristlos entlassen und konnte deshalb auch Sophies Eltern nicht mehr helfen.
Die drei Geschwister wussten, dass ihre Eltern in einer Gemeinschaftswohnung lebten und schickten ihnen Käse und weitere Dinge. Im letzten Brief, den sie von ihnen erhielten, stand, dass die Eltern übersiedelt würden. In Wahrheit wurden Sophies Eltern nach Theresienstadt und schliesslich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Sophie heiratete Karl Haber, den sie in der Flüchtlingshilfe kennengelernt hatte, und bekam einen Sohn, den sie zu Ehren von Paul Grüninger Paul nannte. Sophie erzählte ihr ganzes Leben lang von Grüninger, um seine mutige Tat in Erinnerung zu halten.
Sophie Haber starb im Jahr 2012.

