Elliot, der einsame Schmetterling

Es war einmal ein kleiner Schmetterling namens Elliot. Seine Flügel waren gross und leuchteten in weissem Licht, mit violetten und goldenen Flecken, die in der Sonne glitzerten wie winzige Sterne. Seine Beinchen waren dünn und lang, seine Fühler kringelten sich an den Enden wie ein Korkenzieher. Er lebte in einem alten, weiten Wald, der von geheimnisvollen Schatten und singenden Bächen durchzogen war.

Doch so schön sein Wald auch war, Elliot war allein. Kein anderer Schmetterling war je mit ihm geflogen, kein Flattern antwortete auf sein eigenes. Manchmal setzte er sich auf eine Sonnenblume und starrte in den Himmel. „Warum bin ich hier ganz allein? Gibt es andere wie mich?“, fragte er sich immer wieder.

Er hatte sich in der Krone einer alten Eiche ein Nest gebaut. Es war rund wie eine kleine Kugel, gewoben aus Grashalmen und mit einer weichen Matratze aus Pflanzenfasern. Dort träumte er jede Nacht von fernen Orten, von Abenteuern und von jemandem, der wie er war.

Eines Morgens, als der Nebel noch zwischen den Bäumen hing, fasste er einen Entschluss. Er würde aufbrechen. Wohin, das wusste er nicht, aber irgendetwas tief in ihm flüsterte: „Flieg weiter. Da draussen wartet etwas auf dich.“

Elliot flog tage- und nächtelang. Er sah Felder, auf denen Mohnblumen tanzten, Überreste von alten Mühlen und Flüsse, die wie silberne Bänder durch die Landschaft zogen. Er flog über Dächer von Städten, wo Menschen in Strassencafés sassen und durch Gebirge, wo der Wind mit ihm spielte.

Schliesslich erreichte er die Küste. Zum ersten Mal sah er das Meer. Es war riesig, endlos, mit Wellen, die an den Felsen zerschellten. Elliot war sprachlos. Der Wind war salzig, der Himmel weit. „Ich muss da hinüber“, dachte er. „Vielleicht gibt es auf der anderen Seite andere wie ich.“

Am Hafen versteckte sich Elliot in einem Rettungsring, der an einem grossen Passagierschiff hing. Dort traf er auf eine Gruppe kleiner Spatzen, die fröhlich zwitscherten und Krümel stahlen. Sie bemerkten Elliot und kicherten. „Willst du mit nach Nordamerika? Wir reisen mit dem Schiff. Ganz einfach. Man muss nur leise sein und sich gut verstecken.“

So reiste Elliot mit den Spatzen über das Meer. Sie versteckten sich zwischen Kisten, in Rettungsbooten, unter Planen. Die Reise war lang, das Wetter wechselte von Sonne zu Sturm, doch Elliot hielt durch. Die Spatzen erzählten Geschichten von fernen Orten und machten Witze, die Elliot zum Lachen brachten. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht allein.

Als sie Nordamerika erreichten, verabschiedeten sich die Spatzen mit einem Flügelschlag. Elliot flog weiter. Er folgte dem Duft von Blumen, dem Klang fremder Tiere und landete eines Tages auf einer grossen Wiese, wo sich hunderte Schmetterlinge sammelten. Es waren Monarchfalter, die sich zur grossen Reise nach Südamerika aufmachten.

Ein alter Monarchfalter sagte zu ihm: „Wenn du wissen willst, woher du kommst, und wohin du gehörst, komm mit uns.“

Und so flog Elliot mit. Es war ein gewaltiger Schwarm, der sich wie eine Wolke über den Himmel bewegte. Die Reise war gefährlich. Sie mussten Stürmen ausweichen, Raubvögeln entkommen und Übernachtungsplätze finden, die sicher waren. Elliot lernte zu vertrauen, zu folgen, aber auch selbst den Weg zu finden. Manche Tage waren schwer und manchmal wollte er aufgeben. Aber dann fühlte er die anderen um sich und wusste, dass er weiterfliegen musste.

Nach vielen Wochen erreichten sie einen tropischen Regenwald in Südamerika. Die Luft war feucht, die Pflanzen riesig und das Summen der Insekten wie Musik. Elliot war erschöpft, aber glücklich. Und dort, auf einer Blume, die in der Abendsonne leuchtete, sah er sie.

Sie hatte Flügel, die im Licht wie Bernstein funkelten. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast vorsichtig. Elliot war sofort fasziniert. Doch er sagte nichts. Er setzte sich nur ein paar Zentimeter entfernt von ihr auf ein Blatt. Auch sie schwieg.

In den nächsten Tagen sah er sie immer wieder. Manchmal sass sie unter einem Blatt, wenn es regnete, manchmal trank sie Nektar aus einer bestimmten Blume. Elliot hielt immer etwas Abstand, beobachtete, wartete. Dann entdeckte er noch einen weiteren Schmetterling, der oft bei ihr war. Auch er sprach nicht viel, aber seine Flügel waren anders. Tiefblau mit silbernen Linien, wie Adern im Gestein.

Elliot wusste nicht, was er fühlte. Eine Mischung aus Neugier, Hoffnung, Angst und Freude.

Eines Morgens, als der Nebel durch die Palmen kroch, flatterte er ganz vorsichtig näher an sie heran. „Hallo“, sagte er leise.

Sie sah ihn an, neigte den Kopf ein wenig und antwortete: „Hallo.“

Mehr sagten sie nicht. Aber sie flogen zusammen. Erst nur am Rand der Lichtung. Dann weiter, über einen kleinen Wasserfall, durch eine Gruppe summender Kolibris. Später kam auch der andere Schmetterling dazu. Sie flogen zu dritt. Jeder auf seine Weise. Manchmal schnell, manchmal langsam, manchmal im Kreis. Und auch wenn keiner von ihnen je direkt sagte, was er dachte oder fühlte, so war es doch, als würde etwas zwischen ihnen wachsen. Wie ein unsichtbares Band aus Licht.

Elliot baute sich ein neues Nest. In einem Bambusrohr, nicht weit von einer klaren Quelle. Es war grösser als das alte, denn manchmal kamen seine neuen Freunde zu Besuch. Sie sagten wenig. Aber sie waren da.

Und eines Nachts, als die Sterne wie Glühwürmchen funkelten, wusste Elliot: Er war angekommen. Nicht nur an einem Ort, sondern in einem Gefühl. In einem Zuhause.

Er war nicht mehr allein.

Und die Träume, die er früher in seinem einsamen Nest geträumt hatte, fühlten sich jetzt an wie Erinnerungen an etwas, das endlich Wirklichkeit geworden war.

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