Meiner Meinung nach ist unsere Hausfrau unschuldig. Schuldig ist der alte Mann, der nachts durch die Gassen schleicht. Der Mann, über den man tausende Geschichten kennt, doch von keiner weiss, ob sie wahr ist.
Das kleine Mädchen, das vor einer Woche spurlos verschwunden ist, scheint nicht mehr zurückzukehren. Ist sie tot? Niemand wagt, diese wichtige Frage auszusprechen.
Die Eltern hat seit Tagen niemand mehr gesehen. Die Fensterläden des alten Hauses, in dem die einst glückliche Familie lebte, sind heruntergezogen, die Türen verschlossen und die Blumen vor der Haustür verwelken. Jeden Morgen bringt der Briefträger neue Briefe von Verwandten, doch das Ehepaar nimmt sie nicht einmal mehr ins Haus.
Jeder versucht sich einzubringen, hilft, sucht, aber niemand findet. Niemand ausser dem alten Mann. Ich weiss, dass er etwas Wichtiges weiss. Und er weiss, dass ich etwas über ihn weiss. Seit einiger Zeit schlurft er nachts nicht mehr an meinem Fenster vorbei.
Früher wartete ich in schlaflosen Nächten auf seine langsamen Schritte und beobachtete seine Silhouette, die im Dunkeln schillerte, wie ein Schattengeist, der an den alten Fassaden vorbeizog. Doch er kommt nicht mehr.
Er hat Angst. Angst vor mir, vor der unschuldigen Hausfrau, die der Polizei alles abstreitet und doch in Untersuchungshaft sitzt. Niemand ist sich sicher, ob die Hausfrau schuldig ist, aber niemand kann oder will sie entlasten. Alle ausser ich.
Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, eines Projekts, das von Christiane am Leben gehalten wird.
Im September ’25 müssen die Begriffe Hausfrau, wichtig und schillern vorkommen, und die Länge darf 300 Wörter nicht überschreiten.


Super!
Die ist wirklich klasse. Man möchte sofort mehr lesen, um zu wissen, was geschehen ist und um tiefer in die Geschichte einzusteigen. Finde ich sehr gelungen.
Danke, dass du mitgeschrieben hast! 😀
Vielen Dank für die liebe Rückmeldung. Es hat mir auch sehr Spass gemacht die Geschichte zu schreiben!
Der Schattengeist: tolle Erfindung und spannend geschrieben!
Danke vielmals!