Versunkene Versprechen (ABC-Etüde)

Man sagt, man sollte seine Versprechen niemals brechen. Es ist wichtig, sich daran zu halten, besonders wenn es ein Leben kosten könnte.

Es ist ein warmer Septembertag. Die Bäume beginnen langsam, ihre Blätter zu verlieren, das kleine Dorf riecht nach frischem Gebäck und alle scheinen glücklich über die Sonne, die sich zum ersten Mal seit langer Zeit voller Regen wieder einmal blicken lässt. Doch nicht jeder kann an diesem Tag Freude empfinden.

Für Livia ist er einer der traurigsten ihres Lebens. Genau heute vor 45 Jahren traf sie eine der schlimmsten Entscheidungen ihres Lebens: Sie wurde Hausfrau. Was für manche nun harmlos klingen mag, ist für Livia Grund genug, jedes Jahr zu diesem Brunnen zurückzukehren und dort um Vergebung zu bitten.

Während sie in das Wasser blickt, sieht sie, wie es geheimnisvoll zu schillern beginnt, und denkt zurück an die Zeit, in der noch alles in Ordnung war zwischen ihr und Naomi.

September 1970: Zwei junge Frauen, beide Mitte zwanzig, schworen sich, einander nie aus den Augen zu verlieren, egal, was kommen würde. Sie schrieben dieses Versprechen auf einen Zettel und versenkten ihn im Brunnen.

Zehn Jahre später war es Livia, die das Versprechen brach. Sie heiratete, wurde Hausfrau und nahm sich kaum mehr Zeit für ihre einst beste Freundin. Naomis Versuche, wieder Kontakt aufzunehmen, blieben erfolglos. Jahre später erfuhr Livia, dass Naomi sich das Leben genommen hatte.

Seitdem kehrt sie jedes Jahr zurück zu diesem alten Brunnen. Sie fragt sich, ob sie Naomi hätte helfen können, ob ein einziges offenes Ohr vielleicht genügt hätte. Ihr einziger Wunsch ist es, noch einmal ihre Stimme zu hören.

Doch dies ist nun nicht mehr möglich.


Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, eines Projekts, das von Christiane am Leben gehalten wird.
Im September ’25 müssen die Begriffe Hausfrauwichtig und schillern vorkommen, und die Länge darf 300 Wörter nicht überschreiten.

3 Antworten auf „Versunkene Versprechen (ABC-Etüde)“

  1. Ich kann gut verstehen, dass man sich fragt, ob man vielleicht einen Fehler gemacht hat, wenn eine Entfremdung so ausgeht. Aber die Lebenserfahrung lehrt trotzdem, dass Leute sich nicht umbringen, weil die beste Freundin einen anderen Lebensweg eingeschlagen hat, als sie selbst scheinbar je erwartet hat. Wobei Naomi von dieser Entwicklung ja auch nicht völlig überrascht worden sein dürfte, wenn sie so vertraut miteinander gewesen sind.
    Aber deine Etüde ist wirklich gut geschrieben, Kompliment. Ich hoffe, du schreibst öfter mit! 😀

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