Routine ist keine Grenze

Ich hielt mich lange für ein Gewohnheitstier. Jeden Morgen derselbe Kaffee, derselbe Weg zur Arbeit, derselbe Blick aus dem Fenster der Strassenbahn. Veränderungen machten mich nervös, selbst kleine.

Eines Tages jedoch fiel der Strom im Büro aus. Kein Computer, kein Internet, kein Plan. Während die anderen warteten, entschied ich mich, absichtlich etwas Neues zu tun. Ich ging nach draussen, setzte mich in ein kleines Café, das ich sonst immer ignoriert hatte, und beobachtete die Menschen.

Dort traf ich eine alte Frau, die allein Schach spielte. Sie erklärte mir, sie trainiere, um ihren Enkel zu schlagen. Spontan fragte sie mich, ob ich eine Runde spielen wolle. Ich hatte keine Ahnung von Schach, aber ich sagte ja. Ich musste meinen Kopf einsetzen, improvisieren, verlieren lernen und lachen.

Als der Strom später zurückkam, kehrte ich nicht sofort ins Büro zurück. Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, dass Gewohnheiten bequem sind, aber nicht alles bestimmen müssen. Manchmal reicht ein kleiner Schritt zur Seite, um etwas Unerwartetes zu finden.

Seitdem gehe ich gelegentlich bewusst einen anderen Weg. Nicht jeden Tag, ich bin schliesslich immer noch ein Gewohnheitstier aber oft genug, um mich daran zu erinnern, dass Routine keine Grenze sein muss.


Dieser Text ist Teil der ABC-Etüden, eines Projekts, das von Christiane am Leben gehalten wird.
Im Januar ’26 müssen die Begriffe Gewohnheitstier, absichtlich und einsetzen vorkommen. Die Länge des Textes darf 300 Wörter nicht überschreiten.
Geschrieben wurde diese Etüde von Eldon im Wahlfach Bloggen 25/26.

4 Antworten auf „Routine ist keine Grenze“

    1. Danke für deinen netten Kommentar! Ja, die Balance und neues ausprobieren ist sehr wichtig. Das macht das Leben interessant.

  1. Ja, finde ich gut. Den eigenen Radius erweitern. Wenn einem bewusst wird, dass man immer nur im gleichen Gleis läuft, ist schon ein wichtiger Schritt getan. Warum nicht ein bisschen mehr Neugier auf fremdes Leben wagen? 😉
    Danke dir für die Etüde! 😀

    1. Danke für deinen schönen Kommentar! Ja, Neugier ist sehr wichtig. Es freut mich, dass dir die Etüde gefallen hat!

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