Wie immer ist es in Ottawa ein sehr kalter Winter, aber heute ist es nicht nur kalt, sondern auch der letzte Schultag vor den Winterferien. Wie immer werde ich von meinem Wecker geweckt, putze meine Zähne, mache meine Haare, ziehe mich warm an und packe mein Pausenbrot in meinen Schulranzen. Genau um 8.10 Uhr treffe ich mich mit meiner besten Freundin Stella. Ich kenne sie schon, seit ich zwei Jahre alt bin. Deswegen sagen wir auch ab und zu, dass wir Schwestern sind.
Zusammen laufen wir in die Schule und plaudern darüber, was wir in den Winterferien machen werden.
„Gehst du eigentlich in die Ferien, Stella?“
„Ja, ich gehe meine Tante Laurie besuchen.“
„Tante wer?“
„Tante Laurie! Ich habe dir bestimmt schon mal von ihr erzählt. Die Tante, die in Italien wohnt.“
„Stimmt! Was machst du dann bei deiner Tante?“
„Ich gehe mit ihr shoppen, ans Meer und noch vieles mehr. Und du?“
„Ich gehe endlich mal wieder zu meinen Grosseltern, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe.“
„Cool! Was machst du dann bei deinen Grosseltern?“
„Ich helfe ihnen, den Dachboden auszumisten. Vielleicht finde ich dann auch etwas Schönes für mich.“
„Das hört sich sehr spannend an!“, sagte Stella begeistert.
Nachdem wir fertig geplaudert hatten, waren wir auch schon bei der Schule und gingen zu unserer Freundesgruppe. In der Gruppe sind Stella, Nora, Emma und ich. Wir nennen uns selbst die Katzengruppe, da wir alle Katzen lieben. Gemeinsam liefen wir ins Klassenzimmer und holten unsere Mathehefter heraus. Danach begann auch schon die Mathelektion bei Herrn Fischer. Er ist einer der strengsten Lehrer, da er immer viele Prüfungen macht. Eigentlich hätte der letzte Schultag vor den Ferien ruhig und locker sein sollen, doch an diesem Morgen fühlte sich alles ganz anders an.
Er erklärte die neue Matheaufgabe und danach konnten wir endlich ruhig und konzentriert arbeiten. Doch das blieb nicht lange so, denn Thomas stürmte ins Klassenzimmer. Thomas ist ein Mitschüler von mir, der immer ohne Grund zu spät kommt, denke ich zumindest. Meine Katzengruppe sagt aber, dass seine Eltern Alkoholiker seien und sich nicht gut um ihn kümmern. Deshalb mache ich mir manchmal ein bisschen Sorgen um ihn, aber das ist jetzt gerade nicht wichtig.
Herr Fischer schaute ihn ganz grob an und sagte laut: „Komm jetzt raus mit mir, wir müssen ein kleines Gespräch führen.“ Die Klasse blieb mucksmäuschenstill, und wir versuchten, uns wieder zu konzentrieren. Herr Fischer und Thomas gingen blitzschnell aus der Tür und das Einzige, was wir hörten, waren Schreie von Thomas. Keiner aus der Klasse hatte eine Ahnung, was draussen passierte, aber wir arbeiteten einfach weiter. Die beiden waren so lange draussen, dass die erste Lektion schon vorbei war. Trotzdem blieben wir alle auf unseren Plätzen und warteten, bis sie zurückkamen. Doch sie kamen nie. Später erfuhren wir, dass Herr Fischer wegen eines Notfalls ins Lehrerzimmer gerufen worden war.
Nach weiteren zwei Lektionen war endlich die grosse Pause. Die Jungs aus meiner Klasse konnten nicht mehr still sitzen und stürmten hinaus. Meine Freundesgruppe und ich schlichen langsam durch den Gang zur Tür. Draussen war niemand, also gingen wir zu den Schaukeln. Dort verbringen wir immer die grosse Pause, weil wir von dort aus alles sehen können. Während der Pause assen wir unsere Pausenbrote. Nach zwanzig Minuten klingelte es schon wieder, und wir stürmten zurück ins Schulhaus und wechselten das Klassenzimmer.
Alle Mitschüler waren schon da, ausser Frau De Filipo. Sie ist meine Lieblingslehrerin, da sie sich sehr gut in andere hineinversetzen kann und sehr hilfsbereit ist. Zehn Minuten vergingen und wir hörten immer noch nichts von ihr. Meine Gruppe und ich wollten gerade zum Lehrerzimmer gehen, als Frau De Filipo mit verwuschelten Haaren ins Klassenzimmer rannte. Die ganze Klasse wurde still. Sie starrte uns an und sagte: „Guten Morgen, Schüler!“
Bevor wir aufstehen und sie begrüssen, schauten wir uns verwirrt an. Dann stand eine Mitschülerin auf und wartete, bis alle anderen ebenfalls aufstanden. Gemeinsam sagten wir: „Guten Morgen, Frau De Filipo!“ Wir setzten uns wieder hin und warteten auf einen Auftrag. Doch sie sagte kein Wort, nahm ihr ganzes Zeug wieder an sich und verliess das Klassenzimmer. Die ganze Klasse war geschockt. Wir merkten sofort, dass etwas nicht stimmte, aber niemand traute sich, nachzufragen.
Unsere Klassensprecherin Laura versuchte, schnell zu handeln. Sie stand auf einem Tisch und befahl uns, am letzten Auftrag weiterzuarbeiten, den Frau De Filipo uns gegeben hatte. Zuerst zögerte ich, doch schliesslich machte ich trotzdem mit. Nach zwei Lektionen klingelte es endlich. Wir liefen aus dem Klassenzimmer und Stella und ich gingen zusammen nach Hause. Wir waren beide sehr schockiert von diesem Morgen, machten uns aber keine grossen Sorgen. An der Kreuzung umarmten wir uns fest und verabschiedeten uns.
Zu Hause blieb nicht viel Zeit, denn wir wollten noch am selben Nachmittag losfahren. Ich packte meinen Koffer und ass noch eine kleine Packung Chips. Danach verabschiedete ich mich von meinem Kater Cosmo und lief zum Auto. Ich setzte mich hinten neben meinen Bruder Eric, der zwei Jahre jünger ist als ich.
„Dad, wie lange geht es noch, bis wir angekommen sind?“, fragte Eric ungeduldig. „Nicht mehr lange, Eric. Wir machen bei der nächsten Abzweigung eine Pause“, antwortete mein Vater. Wir machten eine dreissigminütige Pause und fuhren danach weiter.
Nach weiteren zwei Stunden kamen wir endlich bei meinen Grosseltern an. Ich stürmte aus dem Auto und umarmte Oma ganz fest. „Es ist schon eine Weile her, seit ich dich gesehen habe“, sagte sie. Opa schaute mich nur an und sagte nichts. Schon seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass er mich nicht mochte. Warum, weiss ich bis heute nicht.
Eric und ich gingen wie immer ins Haus und in unser gemeinsames Zimmer. Bei Oma und Opa mussten wir uns ein Zimmer teilen, da sie zu wenig Platz hatten, aber daran war ich gewöhnt. Nachdem ich mich eingerichtet hatte, ging ich in den Garten und spielte ein wenig mit der Nachbarkatze.
Nach etwa zehn Minuten rief mich Oma und bat mich, ihr beim Abnehmen der Kleider zu helfen.
„Oma?“
„Ja?“
„Wann kann ich endlich den Dachboden ausmisten?“
„Wenn du willst, kannst du Opa fragen, oder du hilfst mir weiter“, antwortete sie.
„Darf ich bitte schon mal auf den Dachboden?“
„Natürlich, aber pass gut auf dich auf.“
Mit guter Stimmung ging ich zu Opa und fragte ihn. Zuerst zögerte er einen Moment, doch schliesslich erlaubte er es mir. Ich war so glücklich, dass ich ihn fest umarmte. Ich weiss nicht, welches Gesicht er dabei machte, aber ich hoffe, es war ein positives.
Dann holte ich meine Taschenlampe aus dem Koffer und ging nach oben. Auf dem Dachboden war es dunkel und staubig und ich hatte ein bisschen Angst. Es gab ein kleines Fenster, das ich kurz öffnete, um frische Luft hereinzulassen, aber ich schloss es schnell wieder, weil es zu kalt war. Ich schaute mir zuerst die grossen Kisten an, bis ich eine kleine, bunte entdeckte. Neugierig öffnete ich sie.
Darin lag eine wunderschöne Uhr mit einem Bild von Oma und Opa. Ich rannte die Treppe hinunter zu Oma.
„Oma, Oma!“
„Was ist los? Hast du dich verletzt?“
„Nein! Schau mal, was ich gefunden habe.“
Oma kicherte und erzählte mir, dass Opa ihr diese Uhr vor sechzig Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Damals waren die beiden noch nicht zusammen, doch später änderte sich vieles.
„Wow, ich wusste gar nicht, dass Opa so romantisch sein kann“, sagte ich.
„Das konnte ich zuerst auch kaum glauben“, antwortete sie lächelnd.
Ich ging mit der Uhr zu Opa und zeigte sie ihm. Es sah aus, als hätte er schon lange nichts mehr so Schönes gesehen.
„Ja, das waren noch gute Zeiten“, sagte er leise. „Willst du die Uhr behalten?“
„Ja, aber nur, wenn ich darf“, antwortete ich.
Er umarmte mich fest und mir liefen Tränen über das Gesicht. Es war ein wunderschönes Gefühl, von jemandem, den man sehr liebt, so fest umarmt zu werden. Die restlichen Ferien blieb ich bei Oma und Opa, da ich nicht schon nach zwei Tagen wieder nach Hause gehen wollte. Es waren die allerschönsten Ferien mit ihnen.

