Ich lege den Pfeil mit bebenden Händen in den Bogen ein. Der Schnee wirbelt um mich herum und die Sicht wird immer verschwommener. Da, wo der Eisbär zuletzt gestanden hat, ist nur noch eine weisse Wand zu sehen. Ich zwinge mich, loszurennen und den Bären zu verfolgen, meinen hungrigen Stamm dabei immer im Hinterkopf. Meine Lunge brennt und jeder Schritt zieht ein wenig mehr Kraft aus mir heraus.
Keuchend stapfe ich durch den hohen Schnee und suche panisch nach dem ersten Tier, das ich seit Langem gesehen habe. Der Eisbär ist unsere Rettung, die Befreiung aus dieser endlosen Hungerzeit. Also laufe ich weiter und weiter. Mein Körper schon lange am Ende, doch ich will es nicht wahrhaben. Ich reisse hektisch meinen Kopf von links nach rechts, suche nach einem weissen Fell. Nichts. Nur eine kalte, graue Schneewand.
Erschöpft sinke ich auf die Knie und sacke in mir zusammen. Ein Schluchzen bahnt sich seinen Weg aus meinem Mund und lässt meinen Körper beben. Doch da huscht plötzlich etwas Braunes durch den tödlichen Schnee. Ich reisse meinen Kopf hoch und erspähe ein braunes Fell. Mein Herz pocht wild gegen meine Brust, während ich mich auf die Beine hieve und nach meinem Bogen greife.
Eilig richte ich die Pfeilspitze auf mein Ziel, atme tief durch und lasse los. Ein lauter Schrei ertönt, der mir durch Mark und Bein geht. Ich starre auf meine zitternden Hände, als ich realisiere, welche Schuld ich auf mich geladen habe. Dieser Schrei war nicht von einem Tier. Nein, dieser Schrei kam aus dem Mund eines Menschen.
Alles wird still um mich. So unglaublich still, dass ich nur mein Herz schlagen höre. Er hallt über die Berge und Täler und verrät allen, was sich an diesem Tag zugetragen hat. Was ich getan habe. Die Kälte verlässt meinen Körper und Taubheit füllt ihren Platz aus. Ich lege mich hin und warte, bis der Tod mich holt. Bis ich nichts mehr spüren muss.
Meinen letzten Gedanken möchte ich Ötzi widmen. Ja, Ötzi, so werde ich ihn in den letzen Minuten meines Lebens nennen.
Wenn ihr mehr über Ötzi und die wahren Hintergründe seines Lebens und Todes erfahren wollt, lohnt es sich, einen Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse und archäologische Funde zu werfen. Sie erzählen die faszinierende Geschichte eines Mannes aus der Steinzeit, dessen Schicksal bis heute nicht vollständig geklärt ist.
Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt Januar/Februar 2026 von Myriade entstanden. Dafür stehen vier Bilder zur Verfügung.
Verfasst wurde er von Noreen aus dem Wahlfach Bloggen 25/26.


Hallo Noreen, Ja so könnte es gewesen sein, so könnte Ötzi gestorben sein und so könnte es der Mörder empfunden haben. Ein richtig guter Text ist das !