Der Tod (Yesenia)

Ein ganz normaler Freitagabend. Doch nicht so normal, da meine Mutter und ich nicht wie immer fernsehen, sondern den Tannenbaum schmücken. „Ich geh schnell in den Keller, um noch mehr Lichterketten zu suchen“, sagt meine Mutter.

Da bin ich also alleine im Wohnzimmer. Da ich ein wirklicher Tollpatsch bin, fällt mir eine Christbaumkugel aus der Hand. Erschrocken zucke ich kurz zusammen. Als ich die zerbrochenen Scherben am Boden sehe, wird mir unglaublich schwindelig. Für einen Moment denke ich, in einem Hurrikan zu sein, doch dann ist alles wieder ruhig.

Mein Blick wandert wieder zu den Scherben, doch da liegt nur die Kugel, und zwar ganz. Ich kann mein Glück kaum fassen. Als ich mich bücke, um sie aufzuheben, sehe ich etwas glitzern. Natürlich greife ich danach und so sehe ich einen Schlüssel. Dieser Schlüssel passt in keines unsere Schlösser.

„Da bin ich wieder!“, schreit meine Mutter. Mit einem Schwung lasse ich den Schlüssel in meine Hosentasche verschwinden. Wir schmücken den Baum zu Ende und als wir fertig sind, habe ich den Schlüssel schon vergessen.

Am nächsten Morgen merkte ich ein schwaches, aber doch bemerkbares Stechen in meinem Bein. Als ich mich im Bett aufsetze, sehe ich den Schlüssel auf meiner Bettdecke liegen. Sofort läuft mir ein kalter Schauer durch den Körper. Das muss am offenen Fenster liegen, denke ich mir.

Gut gelaunt laufe ich hinunter in die Küche, um zu frühstücken. Es gibt Pancakes mit Speck. „Das war so lecker“, sage ich meiner Mutter. Doch sie reagiert nicht im Geringsten. Komisch, denke ich mir. Später räume ich den Tisch ab und gehe in mein Zimmer, um mich bereitzumachen, denn es ist der Geburtstag meines Vaters.

Mit meiner Mutter steige ich in den Wagen ein, ein kleiner Seat, rot und doch fast unsichtbar auf den Strassen. An die Fahrt zu meinem Vater und meinen Geschwistern bin ich mich gewohnt. Sie dauert um die 15 Minuten, währenddessen wir keine Musik hören, nicht lachen und nicht sprechen. Wir schweigen nur und ich sehe meist aus dem Fenster zu den grossen, altmodischen Häusern.

Es gibt einen Weg, wo es nur Eichen und Buchen gibt. Diese zähle ich, bis ich das Schild „Familienfriedhof“ lesen kann. Nachdem ich dieses Schild gelesen habe, läuft in mir der Film ab, was damals passiert ist. Doch auch wenn ich weiss, was ungefähr passiert ist, bin ich mir nicht sicher, ob mein Vater, meine Schwester und mein Bruder wirklich so gestorben sind.

An den Tag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war Heiligabend. Marlon und Sorraya (meine Geschwister) stritten sich mal wieder. Beide waren 16, Zwillinge. Ich war 14 und fand es lustig, sie streiten zu sehen. Die Wörter, mit denen sie sich gegenseitig bezeichneten, konnte ich nicht verstehen. „Du Hurensohn!“ „Du Nuttentochter!“, ich musste immer lachen, denn sie hatten ja die gleiche Mutter. Nun, ich glaubte, das seien so die üblichen Streite, die 16-Jährige haben.

Doch an diesem Abend war der Streit anders. Sie stritten sich um einen Schlüssel, den ich nicht mal sehen konnte. Komisch, dachte ich mir, musste aber dabei ein wenig lachen. Mein Vater hingegen schien ganz traurig zu sein, obwohl er der lustigste Mensch war, den ich kenne. Er erzählte immer diese komischen Witze, über die niemand ausser ich lachen musste. Egal in welcher Situation wir waren, er brachte mich immer zum Lachen. An diesem Abend jedoch schien er ganz deprimiert.

Was als nächstes passierte, daran kann ich mich nur noch sehr schwach erinnern. Zwei Männer stürmten in unser Haus und schossen sechs Schüsse auf uns. Meine Mutter und ich überlebten, wir hatten nur je eine Fleischwunde. Marlon jedoch wurde direkt am Kopf getroffen, Soraya schossen sie in die Brust und bei meinem Vater trafen sie eine Arterie. Alle starben sofort.

Also da stehen wir jetzt, meine Mutter und ich, zwei Jahren nach diesem schrecklichen Verlust. Doch meine Mutter hat noch nie zuvor so bitterlich geweint wie heute. Das scheint mir so komisch, dass es mich auch zum Weinen bringt. Ich berühre sie am Arm, umarme sie und weine fest. Doch nichts geschieht. Sie bemerkt mich einfach nicht.

Da flüstert mir plötzlich eine bekannte Stimme in mein Ohr. „Hallo mein Spatz“, sagt diese warme Stimme. Ich drehe mich um und sehe meinen Vater dort stehen. Was passiert hier, denke ich mir. „Du musst keine Angst haben, ich bin es Papa.“ Sofort schreie ich: „Mama, Mama, da ist ein Mann, bitte!“ Doch kein einziger Muskel bewegt sich in ihrem Körper. „Sie kann dich nicht hören, komm lass uns ein wenig umsehen.“ Nein, sicher nicht, denke ich mir, und will gerade wegrennen, als mir ein vierter Grabstein neben meinen Geschwistern auffällt. Automatisch lese ich, was darauf steht.

Für mich gibt es kein unten und oben mehr, kein links und rechts. Alles zerbricht in mir. Was hat das zu bedeuten, warum habe ich einen Grabstein? „Maria, du bist vor einem Jahr an einem Herzinfarkt gestorben, deine Seele war gefangen in einem ewigen Kreislauf. Bitte beruhige dich, es ist nicht schlimm, wir sind für dich da, okay?“

Doch was habe ich da erlebt? Warum gibt es einen Schlüssel, was ist mit meiner Mutter, das Frühstück und die Fahrt, das Tannenbaum schmücken? Nichts ergibt einen Sinn. Doch das muss es manchmal auch gar nicht, denn um es zu verstehen, ist es besser, es nicht zu verstehen. Doch ich bin seit dem Tag, an dem ich für tot erklärt wurde, immer an der Seite meiner Mutter geblieben.

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