Die Geburt des Lichts

Am Anfang war Dunkelheit. Kein Laut, kein Wind, kein Atem. Die Leere dehnte sich aus, kalt und endlos. Doch tief in dieser Stille lauerte etwas – eine Kraft, schlafend, uralt und unruhig. Sie wartete auf den Augenblick, in dem sie erwachen durfte.

Dann ein Schlag. Nichts. Ein gleissender Riss zerschnitt die Dunkelheit und aus ihm schoss das erste Licht hervor. Es war wild, ungezähmt, so hell, dass selbst die Schatten vor Schrecken erzitterten. Aus den Funken begann das Chaos zu tanzen.

Doch das Licht war einsam. Es brauchte etwas, das es ergänzte. So entstand die Dunkelheit neu, und beide woben ihre Schatten umeinander wie zwei uralte Drachen. Wo sie sich berührten, entstand die Zeit.

Da flüsterte eine Stimme, leise wie der Wind vor einem Sturm: „Erwachet die Welt.“

Das Licht stürzte herab, fiel in die Tiefe und traf auf kaltes Gestein. Berge erhoben sich, Ozeane wuchsen, Blitze rissen den Himmel auf. Der Boden bebte, Flammen stiegen hervor, und das Chaos nahm Gestalt an.

Aus der Glut des Anfangs wuchs Leben. Zuerst kriechend, dann laufend, schliesslich fliegend. Tiere füllten Wälder und Meere, jedes mit einem Funken des Urlichts im Herzen. Pflanzen wuchsen in Farben, die noch kein Auge je gesehen hatte. Die Welt atmete zum ersten Mal.

Doch die Stimme war noch nicht verstummt: „Nun formt das Denken.“

Aus Staub und Atem erhob sich der Mensch. Er stand aufrecht, sah die Sterne und spürte, dass in ihm dieselbe Kraft glühte, die zuerst das Nichts zerrissen hatte. Doch mit dem Licht kamen auch die Schatten: Furcht, Gier, Zweifel. Der Mensch lernte zu schaffen und zu zerstören, zu lieben und zu hassen.

Die Stimme sprach ein letztes Mal: „Ich bin das Feuer in euch. Vergesst mich. Erinnert euch und ihr werdet Schöpfer sein.“

Dann schwieg sie.

Und seit jener Nacht trägt jedes Herz das Flüstern des Anfangs. Wenn ein Mensch träumt, erschafft er neue Welten. Wenn er liebt, entzündet er Sterne. Und wenn er zerstört, kehrt das Dunkel zurück und wartet geduldig, wie am ersten Tag.

Denn die Schöpfung endet nie. Sie beginnt in jedem Augenblick neu, dort, wo Licht und Schatten sich begegnen und jemand zum ersten Mal sagt: „Sein.“

Eine Antwort auf „“

  1. Wow! Das war ein sehr tiefgründiger Text!! Ich, für mich, versuche jeden Tag neue Sterne zu entzünden, in der Hoffnung, dass dieses Licht anderen inspiriert und weitergereicht wird.

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