Ich bin Alex, 13 Jahre alt, und habe nicht viele Freunde. Ich gehe in die siebte Klasse und bin ein eher ruhiger Mensch, der nicht viel redet. Meine Eltern sind drogenabhängig und kümmern sich kaum um mich. Deshalb bin ich meistens draussen. Ich habe nur einen Freund und das ist Fabio.
Fabio ist gleich alt wie ich und geht mit mir in die gleiche Klasse. Fast jeden Tag gehen wir gemeinsam im Park spazieren. Am Tag ist es ein wunderschöner Park. Nachts aber verwandelt er sich in einen Albtraum. Dort steht eine kleine Hütte, über die niemand wirklich etwas weiss. Jeder, der hineingegangen ist, kam entweder nie wieder heraus oder war so schwer verletzt, dass er nicht mehr sprechen konnte.
Die Mutprobe
Fabio und ich wollten immer wissen, was in der Hütte ist, aber wir haben uns nie getraut, alleine oder zu zweit hineinzusehen. Aber ich hätte mich auch mit zehn Leuten nicht hineingewagt, denn wir hatten unglaubliche Angst. Doch eines Tages wollte Fabio mich überreden. Er meinte, er würde ein paar Freunde zusammentrommeln, was er auch tat. Ich aber sagte ihm, dass ich nicht hineingehen würde.
Er antwortete nur: „Wenn du nicht mitkommen willst, dann eben nicht. Aber du wirst was verpassen.“ Ich blieb also draussen, während Fabio und seine Freunde in die Hütte gingen. Das war ein grosser Fehler. Ich wartete von 13.00 bis 18.00 Uhr auf sie, doch keiner kam zurück. Schliesslich beschloss ich, nach Hause zu gehen. Fabio hatte sein Handy dabei, also rief ich ihn über zehnmal an, aber er nahm nie ab. Gegen 22:00 Uhr ging ich schlafen und legte mein Handy auf den Nachttisch.
Plötzlich klingelte es. Es war Fabio. Seine Stimme zitterte: „Alex, wir sterben gleich! Wir brauchen deine Hilfe. In dieser Hütte spukt es! Wir brauchen dich!“ Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dann fasste ich all meinen Mut und entschied mich, ihnen zu helfen. Ich packte meinen Rucksack: Seil, Taschenlampe, Wasser, Verbandszeug und etwas zu essen.
Der Weg in die Dunkelheit
Als ich aus meinem Zimmer schleichen wollte, sah ich meinen Vater fernsehen. Ich musste ganz leise sein, denn wenn er mich bemerkt hätte, wäre ich nie rausgekommen. Beinahe wäre ich trotzdem erwischt worden. Unser Hund hatte das Fleisch gerochen, das ich dabeihatte. Ich musste es ihm geben, und so hatte ich nichts mehr zu essen.
Im Park angekommen, zitterte ich am ganzen Körper. Noch nie in meinem Leben hatte ich so grosse Angst. Ich stand vor der Hütte und fragte mich, ob ich das wirklich durchziehen sollte. Doch dann dachte ich an Fabio und die anderen. Also öffnete ich die Tür und ging hinein.
Drinnen war es stockdunkel. Ich schaltete meine Taschenlampe ein und lief weiter. Plötzlich sah ich eine Leiter, die nach unten führte. Ich stieg hinab und war in einem langen Gang. Die ganze Zeit hörte ich komische Geräusche, sah Blut und Knochen auf dem Boden. Der Gang war unendlich lang. Ich ging fast 30 Minuten, bis ich schliesslich ans Ende kam.
Am Ende vom Gang konnte ich meinen Augen nicht trauen. Fabio und die anderen waren in einem tiefen Loch gefangen. Sie schrien: „Alex!“ Ich liess das Seil hinunter. Mit Mühe gelang es ihnen, hinaufzuklettern. Alle waren erschöpft und hungrig. Ich griff in meinen Rucksack, um ihnen etwas zu essen zu geben und fand nichts. Da fiel mir ein, dass ich das Fleisch meinem Hund gegeben hatte.
Die Flucht
Wir machten uns auf den Rückweg. Plötzlich hörten wir Stimmen hinter uns. Wir hielten den Atem an, keiner von uns sprach. Zehn Minuten später hörten wir Schritte, dann jemand, der auf uns zurannte. Ich richtete die Taschenlampe in die Richtung und sah einen alten Mann, der ein Messer in der Hand hielt. Er schrie: „Kommt her!“ Wir rannten um unser Leben.
Nach einer Weile hörten wir keine Schritte mehr und wir waren erleichtert. Wir glaubten, wir hätten ihn abgeschüttelt. Endlich erreichten wir die Leiter. Wir wollten so schnell wie möglich nach oben klettern, doch einer von uns rutschte ab und fiel wieder hinunter. Ich stieg die Leiter hinunter, um ihm zu helfen. Plötzlich hörte ich aber die Stimme des alten Mannes. Schnell packte ich meinen Freund und versuchte, ihn hochzuziehen, aber er war zu schwer. Ich konnte ihn nicht tragen und musste loslassen.
Oben angekommen, warteten alle auf mich. Wir rannten schnell aus der Hütte, froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Als ich ihnen sagte, dass wir einen von unseren Freunden verloren haben, wurden alle still, einige begannen zu weinen. Fabio sagte: „Das war die schlimmste Idee meines Lebens.“ Er fühlte sich schuldig und war es ja auch.
Schuld und Erinnerung
Als wir endlich wieder in der Stadt waren, schworen wir uns, so etwas nie wieder zu tun. Wir waren alle glücklich, dass uns nichts passiert war. Aber leider wurde einer von uns noch vermisst. Als wir schliesslich nach Hause gingen, waren unsere Eltern überglücklich, uns zu sehen.
Am nächsten Tag trafen wir uns alle wieder. Wir wussten, dass wir zu den Eltern unseres vermissten Freundes gehen mussten. Niemand von uns wollte es tun, aber wir hatten keine Wahl. Wir wollten die Polizei nicht sofort einschalten, denn Fabio hätte noch grössere Probleme bekommen. Deshalb entschieden wir uns, die Nachricht selbst zu überbringen.
Als die Eltern die Tür öffneten, sahen sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Wir erzählten ihnen, was passiert war. Kaum hatten sie verstanden, brach seine Mutter in Tränen aus und schrie vor Verzweiflung. Sein Vater war bleich im Gesicht und konnte kaum sprechen. Obwohl wir die Wahrheit sagten, gaben sie Fabio und mir die Schuld.
Sie riefen sofort die Polizei an und gaben an, wo sie suchen mussten. Schon bald wusste die ganze Stadt Bescheid. Überall wurde darüber gesprochen und fast alle gaben Fabio die Schuld. Irgendwie stimmte es ja auch.
In der Schule hatte er keine Freunde mehr. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Bei mir war es anders. Plötzlich bewunderten mich die anderen und sagten, ich sei ein Held. Ich wurde in der ganzen Stadt bekannt. Oft sprachen mich Leute an und fragten: „Bist du nicht der Junge, der damals die Kinder aus der Hütte gerettet hat?“ Jedes Mal fühlte ich mich stolz, auch wenn ich wusste, dass nicht alle überlebt hatten.
Ich selbst ging nur noch ein einziges Mal in den Park, um ein Foto von der Hütte zu machen. Danach nie wieder. Die Polizei durchsuchte sie komplett, fand aber nichts. Keine Spuren, keine Hinweise, keinen alten Mann. Nichts.
Drei Jahre später
Drei Jahre vergingen. Das Leben ging weiter, aber der Verlust unseres Freundes blieb. Niemand hatte Hoffnung, dass er je wieder auftauchen würde.
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Eines Abends klingelte bei seinen Eltern das Telefon: Ihr Sohn war gefunden worden. lebendig. Als er zu Hause ankam, brachen beide Eltern in Tränen aus. Dieses Mal waren es Tränen der Freude. Auch die Polizei war völlig überrascht, dass er noch lebte.
Er wurde befragt. Alle wollten wissen, was passiert war, wie der Mann aussah, was er anhatte, wo er ihn festgehalten hatte. Doch er wusste nichts. Gar nichts. Er konnte sich nur daran erinnern, wo er wohnt. An alles andere fehlte ihm jede Erinnerung.
Zum Glück war er körperlich unverletzt. Aber man merkte, dass er trotzdem viel durchgemacht hatte. Er hatte Mühe zu schlafen, wurde nervös, wenn viele Menschen um ihn herum waren, und zuckte bei jedem lauten Geräusch zusammen.
Mit Fabio sprach er nie wieder. Vielleicht machte er ihn verantwortlich, vielleicht erinnerte er sich nicht mehr an ihn, wir wussten es nicht.
Die Hütte im Park wurde inzwischen abgerissen. Niemand wollte mehr, dass so etwas je wieder passiert.
Doch die Frage, was damals wirklich in dieser Hütte geschehen war, ist bis heute ungeklärt.


Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und man kann sich die Szenen gut vorstellen. Besonders gut gelungen sind die Atmosphäre im Park und die Freundschaft zwischen den Figuren. Der Aufbau ist klar und der Text bleibt bis zum Ende interessant.