Die verlorene Seele

Als ich nach der Arbeit mit ein paar Mitarbeitenden noch in eine Bar gehen wollte, fiel uns sofort ein junger Mann ins Auge. Er wirkte harmlos, ziemlich jung und unauffällig. Wir setzten uns an einen Gruppentisch und bestellten etwas zu trinken. Meine Kollegin bemerkte, dass der Mann immer noch allein in einer Ecke sass. Wir dachten uns nichts weiter dabei und tranken entspannt weiter.

Als wir zahlen wollten und aufstanden, sah ich im Augenwinkel, wie er auch ging. Draussen lehnte er dann an einer Laterne, im schwachen Schein dieser alten Laterne. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und machte mich auf den Weg nach Hause.

An der Bushaltestelle wartete ich auf meinen Bus. Plötzlich sah ich, wie er langsam auf mich zukam. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich holte mein Handy heraus und tat so, als würde ich telefonieren. Immer wieder lachte ich laut und beschrieb genau, wo ich mich gerade befand und wann ich zu Hause sein würde. Nach ein paar Minuten kam endlich der Bus.

Der Mann stieg ebenfalls ein und setzte sich in die hinterste, dunkle Ecke, in der kein Licht mehr brannte. Die ganze Fahrt über fühlte ich mich beobachtet und setzte mich deshalb so weit vorn wie möglich in die Nähe des Fahrers.

Als ich den Stoppknopf drückte, stand der Mann sofort auf und ging zur Tür. Draussen kam er direkt auf mich zu. Ich blieb absichtlich stehen, damit er zuerst weiterging. In dem Moment, in dem er an mir vorbeiging, wehte mich ein kalter, unheimlicher Windstoss an. Ich wartete noch einen Moment an der Haltestelle, bis ich ihn nicht mehr in der Ferne sah.

Nach etwa fünf Minuten ging ich entspannt weiter nach Hause. Doch als ich um eine Ecke bog, durchfuhr mich plötzlich eine eisige Kälte. Sie schoss durch meinen ganzen Körper. Ich war wie erstarrt, hörte für einen Moment sogar auf zu atmen. Mein ganzer Körper spannte sich an. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Irgendwann brach ich zusammen.

Als ich wieder aufwachte, befand ich mich in einem dunklen Raum, an einen dicken, grossen Pfahl gebunden. Der Raum war kalt und düster. Es fühlte sich erneut nach einer endlosen Zeit an, bis der Mann wieder erschien. Panik stieg in mir auf, doch ich versuchte, sie nicht zu zeigen.

Er band mich vom Pfahl los und zog mich über den Boden. Ich spürte den rauen Untergrund durch meine Hose. Dann nahm er ein Seil, das von der Decke hing, und band meine Hände daran fest. Er zog mich hoch, bis meine Füsse knapp über dem Boden schwebten. Eine grelle Lampe war direkt auf mich gerichtet. Ich konnte nicht erkennen, was um mich herum geschah.

Dann kam wieder ein eisiger Windstoss durch den Raum. Ich erstarrte, konnte mich nicht mehr bewegen. Und dann geschah es: Ich spürte, wie etwas aus mir herausgerissen wurde. Es war ein Teil meiner Seele. Der Mann trat wieder näher, beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:

„Du warst schon immer mein Ziel. Ich habe dich seit Monaten verfolgt und beobachtet. Ich habe das alles geplant.“

Ich fragte ihn schwach, wer er sei. Meine Kräfte liessen nach, ich wurde immer schwächer. Er wandte sich ab und im letzten Moment, bevor ich das Bewusstsein verlor, hörte ich ihn noch sagen:

„Ich bin ein Seelenfänger.“

Das waren die letzten Wörter, die ich in meinem Leben hörte.

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