Der einsame Angler

Der Wind bläst am Meer. Dieser kühle Wind erfrischt mich. Nach diesem langen Sommer brauchte ich mal wieder frisches Wetter. An meinen freien Tagen angle ich gerne. Mein Leben ist nicht so interessant, die einzige Abwechslung bietet mir das Angeln. Ansonsten arbeite ich als Biolaborant. Die Arbeit ist bei Weitem nicht so interessant, wie sie klingen mag, jedoch zahlt sie sich relativ gut aus.

Vor einigen Wochen hat meine Freundin Suizid begangen. Wir waren seit 8 Jahren zusammen und ich hatte vor, um ihre Hand anzuhalten. Ich war so blind (vor Liebe?), dass ich nicht mal merkte, wie es meiner Freundin wirklich ging.

Es ist schwierig zu wissen, dass sie bei meiner Rückkehr nicht mehr zu Hause auf mich wartet. Heute und in nächster Zeit wartet sie wahrscheinlich im Himmel auf mich.

Mit meinen Eltern habe ich schon lange den Kontakt abgebrochen. Sie verabscheuen mich, weil aus mir kein Chirurg wurde, sondern ein Biolaborant. Sie wollten immer mein ganzes Leben kontrollieren und haben meine Beziehung mit meiner verstorbener Freundin nie akzeptiert. Allein zu leben, ist nicht so einfach, wie es einem vorkommt. Für mich ist es aber sicher einfacher, als mit meinen Eltern zu leben.

Auch wenn ich gerne angle und Zeit am Meer verbringe, ist das Meer gleichzeitig wohl meine grösste Angst. Alles, was dort drinnen wohnt, könnte dich innerhalb von 5 Minuten töten. Schwimmen ist deshalb für mich nur angesagt, falls es im Schwimmbad ist. Strand ist schön, der Sand, der deine Füsse „massiert“ und der Geruch des salzigen Meeres, das in deine Nase dringt, sobald du in der Nähe befindest.

In Seen schwimme ich ebenfalls nicht gerne, da ich etwas pingelig bin, was „Sachen, die meine Füsse berühren“ angeht. Man weiss ja nie, was dort unten alles so lebt.

Freunde habe ich keine, ich bin komplett einsam und isoliert. In Bars gehe ich ebenfalls allein, dort geniesse ich einfach meine Wodka-Shots und Martini-Drinks mit Eis bedecktem Boden. Meine Einsamkeit trinke ich in mich rein. Alkohol lässt mich meine Probleme vergessen und gleichzeitig mich Freude in meinem Leben spüren.

Frauen berühre ich keine mehr seit dem Tod meiner Freundin. Ich werde lange nicht über sie hinwegkommen. Ganz werde ich sie sicherlich nie vergessen. Das eine Lied hörten wir immer gemeinsam, ganz laut und die Musik hörte man von Weitem.


Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt September/Oktober 2022 von Myriade entstanden.

3 Antworten auf „Der einsame Angler“

  1. Mein Kommentar ist offenbar im Nirvana gelandet. Also nochmals.

    Ich finde den Text äußerst gelungen: das Foto und die beiden Rahmen werden nicht nur verwendet sondern völlig unauffällig eingebaut und mit einer Geschichte verwoben. Die Geschichte wiederum ist gut strukturiert und beinhaltet eine Menge wichtiger Themen. Auch der Protagonist ist eine interessante Figur, die lebendig herausgearbeitet ist. Mein Kompliment, vielen Dank und herzliche Grüße an Jessy

    1. Ich danke Ihnen vielmals! Es freut mich, dass es Ihnen gefallen hat. Ich finde das ebenfalls einen sehr gelungenen Text von mir, darauf kann ich wohl stolz sein 😀

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