Meine Lunge füllt sich mit Wasser. Ich bekomme keine Luft. Panisch strample ich mit Händen und Füssen, probiere, an die Wasseroberfläche zu gelangen. Irgendwie frische Luft einzuatmen. Doch egal, was ich mache, mit jeder Bewegung verschlimmert sich meine Lage. Immer tiefer zieht mich der Wirbel des Flusses an den steinigen Grund hinunter.
Das eben noch kaum aushaltbare Rauschen des tosenden Wassers ersetzt sich nun durch das dumpfe Geräusch meines Herzschlags. In regelmässigen Abständen pocht es gegen meine Brust. Ich verliere mich in meinen Gedanken und spüre, wie die Panik langsam abschwellt. Meine Sicht wird immer unklarer. Die grau wirbelnde Masse wird langsam immer dunkler und dunkler. Bis alles seine Form verliert und schliesslich in der Dunkelheit verschwindet.
Ein sanfter Wind bläst mir die Haare aus dem Gesicht. Ich kann nichts sehen, aber ich spüre es. Der Boden ist weich und warm. Alles, was ich höre, sind zwitschernde Vögel, der Wind in den Bäumen und ein lauter Fluss.
Plötzlich fühle ich mich, als würde sich alles drehen. Wie kleine Lichtblitze tauchen Bilder in meinem Kopf auf. Reflexartig drücke ich meine flache Hand auf die Stirn, um den pochenden Schmerz zu lindern. Bilder von einem Boot. Bilder von paddelnden Händen, Beinen und verzweifelten, stummen Schreien.
Schwer atmend öffne ich meine Augen und blicke in den tiefblauen Himmel. Ich liege am Flussufer in einem grossen Feld. Ächzend setze ich mich auf und versuche, das Stechen in meinem Rücken zu ignorieren. Mein Blick richtet sich auf die enge Schleuse im Fluss. An dieser Stelle wird das Flussbeet schmaler und das Wasser immer wilder und unberechenbarer. Mein Boot kippte und ich fiel in das eiskalte Bergwasser.
Seufzend reisse ich mich los und torkle müde auf ein kleines Häuschen zu, das am Ende des Feldes steht. Die Hütte sieht verloren aus auf der grossen Wiese. Es steht in der Mitte und ist von einem kleinen Gartenzaun umrahmt.
Als ich schliesslich vor der Holztür stehe und an dem metallenen Griff ziehe, passiert nichts. Es ist abgeschlossen. Ich fluche leise vor mich hin, während ich einmal um das quadratische Gebäude herumlaufe. An der Hinterseite steht ein überdachter Pizzaofen, und ohne weiter nachzudenken lasse ich mich in die Ecke plumpsen und schliesse erschöpft die Augen.
Ein gellender Schrei reisst mich aus meinen Träumen. Es ist dunkel geworden und der Mond scheint hell auf mich hinab. Mit stockendem Atem springe ich auf. Ich schaue nach links und rechts, doch ich sehe niemanden. Das Haus sieht plötzlich unheimlich, gruselig und verlassen aus. Ein eisiger Schauer zuckt durch meinen Körper. Ich will nach Luft schnappen, doch ich kann nicht. Ich starre auf das dunkle Loch in der Wand. Der Pizzaofen.
Dieses Mal ist es eher ein Flüstern. Es kommt mitten aus dem alten Ofen. Ich zittere am ganzen Körper. Nur die Panik lässt meine versteinerten Beine losrennen. Immer wieder stolpere ich und fange mich wieder. Meine Lunge brennt, mein Herz pocht und ich renne weiter und weiter. Die Landschaft zieht an mir vorüber, Wind zischt durch die grossen alten Bäume.
Irgendetwas verfolgt mich. Ich renne schneller, auch wenn ich nicht mehr kann. Immer wieder schnappe ich nach Luft, zwinge mich, schneller zu werden. Vielleicht bilde ich mir Dinge ein, die nicht hier sind, aber ich will nicht riskieren, zurückzuschauen. Nicht wenn wirklich etwas hinter mir her sein könnte. Und dann stolpere ich plötzlich und falle. Doch der Boden fängt mich nicht. Ich fliege immer tiefer hinab.
Mein Herz macht einen Satz. Ich schreie. Dann öffne ich panisch meine Augen. Unter mir ist es weich. Ich bin zugedeckt und mein Kopf ist tief in einem weichen Kissen vergraben. Es war nur ein Traum. Immer und immer wieder flüstere ich diesen Satz in den dunklen Raum hinein. So lange, bis sich mein Puls normalisiert hat und ich wieder atmen kann. Ein und aus, ein und aus.
„Du hast wohl deine Erlebnisse des Tages verarbeiten müssen. Wahrscheinlich ist alles an einem Punkt zu viel geworden und es musste raus.“ Meine Mutter sitzt gegenüber von mir und umklammert eine warme Tasse Kaffee. Ich nicke zustimmend, stehe auf und mache mich für einen neuen Tag voller Eindrücke und Erlebnisse bereit.
Dieser Text ist im Rahmen der Impulswerkstatt September/Oktober 2025 von Myriade entstanden. Dafür stehen vier Bilder, der Begriff «Felder» sowie das Zitat «Der reissende Strom wird gewalttätig genannt, aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.» (Bertolt Brecht) zur Verfügung.
Verfasst wurde er von Noreen im Wahlfach Bloggen 25/26.


Spannend und ein bisschen mysteriös wie im Traum ! Gefällt mir!Danke schön für den Beitrag !