Der Schrei in der Polo-Strasse

Ein lauter Knall und ein schriller Frauenschrei.

Aber erst einmal von Anfang an.

Ich bin Smeralda, 14 Jahre alt, und ich liebe es, Krimis zu lesen. Ich lebe mit meiner Mutter allein in einem kleinen Haus in der Ackerstrasse 45. Am liebsten beschäftige ich mich mit spannenden Fällen und liebe es zu ermitteln.

Meine beste Freundin Lara wohnt ganz in der Nähe, nur zwei Strassen weiter. Aber heute war alles anders. Sie kam wie immer um 7.45 Uhr zu mir, um mich abzuholen, denn wir laufen jeden Morgen gemeinsam zur Schule. Also packte ich meine Sachen und wir gingen los.

Als wir in die Polo-Strasse kamen (sie liegt fast direkt neben der Schule, man muss nur einmal um die Ecke gehen), wollten wir gerade abbiegen, als plötzlich ein lauter Knall ertönte und ein lauter Frauenschrei durch die Luft hallte.

Lara und ich blieben wie angewurzelt stehen. Wir sahen uns an, dann rannten wir zu dem Haus, aus dem der Schrei gekommen war. Die Haustür stand offen und ein Fenster war zerbrochen. Vorsichtig traten wir ein. Auf dem Boden lagen überall Gegenstände verstreut. Wahrscheinlich hatte hier eine Rauferei stattgefunden.

Wir schauten uns um und sahen in einer Ecke eine Gestalt liegen. Als wir näher kamen, erkannten wir sie. Es war Frau Meier. Sie lebte schon vor meiner Geburt in diesem Haus.

Wir riefen sofort die Polizei und den Krankenwagen. Nachdem die Beamten eingetroffen waren, mussten wir noch eine Zeugenbefragung über uns ergehen lassen. (Eine Zeugenbefragung findet statt, wenn etwas passiert ist und du per Zufall dabei warst. Dann befragt dich die Polizei zu dem Vorfall.) Als wir endlich zur Schule weiterdurften, war es bereits 8.05 Uhr.

Gerade, als wir das Schultor erreichten, klingelte es zur ersten Stunde. Im Klassenzimmer starrten uns alle an, als wären wir vom Mond gefallen. Die Lehrerin kam rein und hielt uns eine Predigt, warum wir schon wieder zu spät waren, denn vor einigen Wochen ist schon mal etwas Ähnliches passiert.

Nach etwa einer halben Stunde durften wir uns endlich setzen. Wir langweilten uns wie immer im Unterricht.

Auf dem Heimweg am Mittag gingen wir noch einmal zur Polo-Strasse (wir mussten ohnehin dort durch). Frau Meier war wie schon vermutet nicht da. Also verabschiedete ich mich von Lara und ging nach Hause.

Dort gab es, wie so oft, Spaghetti mit Tomatensosse. Nach dem Essen packte ich meine Ermittlungstasche und ging zu Lara. Wir hatten abgemacht, uns um Viertel nach eins bei ihr zu treffen. Als ich ankam, wartete sie schon vor der Haustür. „Endlich! Ich warte schon eine Ewigkeit!“, rief sie.

Was, dabei war es doch erst zehn nach eins, dachte ich mir. Um einen coolen Spruch herauszuhauen und unseren kleinen Konflikt zu lösen, sagte ich: „Aber du wartest auch schon seit 13.00 Uhr vor der Haustür.“ Und damit war unser kleiner Streit auch beendet.

Als wir an der Polo-Strasse ankamen, traute ich meinen Augen nicht. Die Haustür von Frau Meier war eingetreten und drinnen hörten wir ein lautes Scheppern und eine fluchende Männerstimme. Wir wussten genau, dass da eigentlich niemand sein sollte. Aber wir entschieden uns trotzdem, hineinzuschleichen.

Drinnen war es dunkel, nur ein kleiner Lichtstrahl, den die Türe hereinliess. Ich holte schnell meine Taschenlampe aus dem Rucksack und leuchtete herum. Dabei traf der Lichtstrahl eine Gestalt. Die Person machte einen grossen Fehler. Sie drehte sich um und schaute genau in die Handykamera von Lara. Ab dann ging alles blitzschnell. Sie rannte und wir hinterher. Warum wir nicht die Polizei riefen? Keine Ahnung.

Auf jeden Fall ist uns die Person entwischt. Wir gingen wütend und ratlos in unser Geheimquartier, das Eiskaffee Lomo. Dort angekommen bestellten wir uns beide einen grossen Eisbecher. Während wir unseren Eisbecher verdrückten, wurde uns bewusst, wie dumm wir gehandelt hatten. Also gingen wir schleunigst zur Polizei und erzählten, was vorgefallen war. Der Polizist war wenig begeistert von unserem Alleingang und schickte uns nach Hause. Er sagte, wir sollten uns aus den Ermittlungen der Polizei heraushalten.

Dort machte ich mir ein Müsli und legte mich ins Bett. Meine Mutter kam spät heim, und gegen 3 Uhr morgens klingelte mein Handy. Lara war dran. Sie erzählte atemlos, dass jemand in ihrem Garten war.

Ich sprang auf und schlüpfte in meine Kleidung, dann rannte ich, so schnell ich konnte, zu Lara. Sie wartete schon mit einer Taschenlampe und einem Seil auf mich. Gemeinsam schlichen wir in den Garten und versteckten uns hinter einer Hecke. Plötzlich kam eine Gestalt mit einem Spaten in den Garten. Wir hatten keine Ahnung, was wir jetzt tun sollten.

Wir wollten die Polizei rufen. Aber weder mein Handy (Akku leer) noch Laras (im Schulranzen) waren einsatzbereit. Also beschlossen wir, dass Lara schnell ins Haus schleichen und von dort aus die Polizei rufen sollte.

Doch als sie losging, stolperte sie über das Seil. Die Gestalt zuckte zusammen, packte Lara und zerrte sie mit sich. Ich stand wie gelähmt da. (So etwas nennt man Schockstarre. Das macht der Körper automatisch, wenn etwas Schlimmes passiert.) Als ich mich wieder bewegen konnte, waren beide verschwunden.

Ich lief so schnell ich konnte zur Polizei. Ein Wärter sprach mich an, was ich so spät draussen mache. Als ich erzählte, dass Lara entführt worden war, holte er sofort einen Beamten. Ich schilderte die ganze Geschichte erneut, und wir machten uns auf den Weg zu Laras Haus.

Dort sass ihre Mutter weinend vor der Tür. Ich erzählte alles ein drittes Mal. Dann berichtete Laras Mutter, dass sie einen Drohbrief erhalten hatte:

DEINE TOCHTER IST BEI MIR.
DU BEKOMMST SIE ZURÜCK, WENN DU MIR MORGEN UM PUNKT 13.25 UHR BEI DER ALTEN STILLGELEGTEN FABRIK IN DIE RECHTE MÜLLTONNE EINEN UMSCHLAG MIT 10 000 € LEGST.
KEINE POLIZEI, SONST WIRD SIE LEIDEN.

Der Text war schlimm. Die Polizei nahm den Drohbrief ernst und plante mit Laras Mutter das Vorgehen für den nächsten Tag. Nach langem Diskutieren erlaubten sie es mir.


Am nächsten Morgen war blöderweise Dienstag. Als ich in der Schule ankam, musste ich mir schnell etwas wegen Laras Abwesenheit überlegen. Aber die Lehrerin sagte mir, Lara sei krank, und die Sache war gegessen.

Um halb eins ging ich zu Frau Fischkopf (Laras Mutter). Kurze Zeit später traf die Polizei ein. Wir planten gerade die Übergabe, als es an der Tür klingelte. Frau Fischkopf öffnete und kam mit einem zweiten Drohbrief zurück:

DU HAST DICH NICHT AN UNSERE ABMACHUNG GEHALTEN. WARUM IST DIE POLIZEI BEI DIR?
WENN DU MICH HINTER’S LICHT FÜHREN WILLST, MUSST DU DAS SCHON BESSER ANSTELLEN. DEIN HAUS WIRD BEWACHT.
ICH VERSCHIEBE ALLES AUF HEUTE ABEND UM 18.00 UHR AM GROSSEN MÜLLCONTAINER.
WENN ICH NOCH EINMAL POLIZEI SEHE, IST DEINE TOCHTER TOT.

Wir waren alle geschockt und mussten den Schreck erst einmal verdauen. Eine Stunde später klingelte es erneut Sturm. Frau Fischkopf öffnete und – OMG – vor der Tür stand Lara. Sie rannte ins Haus und schloss sich in ihrem Zimmer ein.

Nach einiger Zeit ging ich nach oben, um nach ihr zu schauen. Dann hörte ich sie weinen. Ich klopfte und ging hinein. Sie erzählte mir alles: wie sie fliehen konnte, dass jemand ihr nachgelaufen war und die Person jetzt irgendwo in der Nähe sei.

Unten hörten wir auf einmal einen Beamten rufen: „Auf den Boden! Oder ich schiesse!“ Wir rannten nach unten. Die Polizei hatte die beiden Täter überwältigt. Wenn ich mich nicht irre, war eine der Täterinnen tatsächlich Frau Meier.

Aber das Wichtigste war: Lara ging es wieder gut.

2 Antworten auf „Der Schrei in der Polo-Strasse“

  1. Dein Text ist packend geschrieben und man spürt richtig, wie du die Spannung bewusst aufbaust. Die Szenen sind so lebendig beschrieben, dass man sie wie einen Film vor sich sieht. Man merkt, wie viel Fantasie und Freude am Schreiben darin steckt!

  2. Danke vielmals für den netten Kommentar. Das war mein erster Blogbeitrag. Ich habe mich sehr über den Kommentar gefreut.

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